Suche nach Verjüngung: Viel frischer Wind beim Filmfestival von Locarno

Suche nach Verjüngung : Viel frischer Wind beim Filmfestival von Locarno

Das Flugzeug ist kurz vor dem Abheben, und durch die Notfall-Kennung für Entführungen im Titel weiß man, dass es spannend wird. „7500“, das Spielfilmdebüt des deutschen Regisseurs Patrick Vollrath, erinnert mit seinem Nervenkitzel an die Situation des 72. Filmfestivals von Locarno: Schon lange vor dem eigentlichen Start in der vergangenen Woche herrschten Spannung und Rätselraten, wie das kleine unter den großen europäischen Festivals sich unter der neuen Führung der Französin Lili Hinstin präsentieren würde.

Zur Erinnerung: Der bisherige Leiter Carlo Chatrian war nach sechs Jahren in der Südschweiz von der Berlinale abgeworben worden. In Berlin wird er nächsten Februar seinen ersten Auftritt als Direktor absolvieren. Hinstin leitete bisher kleinere Festivals zum Dokumentarfilm (Cinéma du Réel) in Paris und für den Nachwuchs (Entrevues Belfort).

Nun gab es nach dekorativen Veränderungen in der Festival-Architektur endlich erste von Hinstin programmierte Filme zu sehen. Vor allem das Aushängeschild Locarnos, das Open-Air-Kino auf der Piazza Grande, ist interessant. Hinstin deutete schon vor Wochen an, dort weniger Hollywood zu zeigen. Auch lokale Schweizer Produktionen sind bis auf eine Ausnahme im Mitternachts-Programm für jüngeres Publikum nicht auf der Piazza programmiert.

Die Suche nach Verjüngung ist ein großes Thema, ein Rundblick auf der Piazza bestätigt eine Dominanz der Ü50-Zuschauer. Nun zeigt eine Sektion am Rande Virtual-Reality-Filme. Also Virtuelle Realität mittels großer VR-Brille als Kontrapunkt zur Kinogemeinschaft.

Zumindest der Überfluss an Goldenen Ehrungen für gerade noch lebendige Filmlegenden scheint eingedämmt. Mit Ehrenpreisen für die Schauspielerin Hilary Swank und die dynamische Berliner Produktionsfirma „Komplizen Film“ sind die wichtigsten Zeremonien abgehandelt, mit denen sich das Festival vor allem selbst schmückt. Auch die Randprogramme zu aktuellen Themen, welche die Welt außerhalb der Filmblase interessieren, wurden beschränkt.

Nicht mehr viel diskutiert werden muss in der Südschweiz über die Quote: Im Wettbewerb und auf der Piazza haben Regisseurinnen fast Parität erreicht. Hinstin erwähnt, dass sie die Männer in ihrer Auswahlkommission immer bremsen müsse, Filme nicht nur aufzunehmen, weil sie von Frauen stammten.

Verwöhntes Kind und Diktatorin

Der größte Erfolg ist allerdings bislang einem Macho der alten Garde vergönnt: US-Kultregisseur Quentin Tarantino füllte die 8000 Plätze auf der Piazza Grande am Samstagabend locker, ohne selbst anwesend zu sein. Sein nostalgisches Gruselmärchen „Once upon a time... in Hollywood“, das an diesem Donnerstag in Deutschland in die Kinos kommt, ist ein cineastischer Leckerbissen mit Brad Pitt und Leonardo DiCaprio sowie den Manson-Morden als Thema. Überraschend bei all dem edlen Nachfilmen alter Schrottfilme und dem Nacherzählen einer Clint-Eastwood-Karriere ist letztlich, dass Sharon Tate überlebt. Ganz unblutig verläuft aber auch dieser am Ende ultrabrutale Tarantino nicht.

Wirklich positiv überraschend war am Freitag auf der Piazza das erstaunliche Spielfilmdebüt „7500“ des deutschen Regisseurs Patrick Vollrath mit Hollywood-Star Joseph Gordon-Levitt als Piloten. Eine Flugzeugentführung verspricht immer Spannung und Action. Der Thriller um einen Terroranschlag auf einem Linienflug von Berlin nach Paris verlagert die Handlung ins Cockpit und trimmt sie stark in Richtung Psychologie. Der Film spielt nur in diesem engen Raum und verblüfft mit enormer Intensität in Dramaturgie und Inszenierung. Eigentlich ein Kandidat für den Publikumspreis, wären da nicht circa 8000 Tarantino-Fans.

Im Wettbewerb um den Goldenen Leoparden, der am kommenden Samstag verliehen wird, startete „Das freiwillige Jahr“ von Ulrich Köhler („Schlafkrankheit“, „Montag kommen die Fenster“) in Ko-Regie mit Henner Winckler: Kurz vor dem Abflug nach Costa Rica, wo Jette ein Freiwilliges Soziales Jahr verbringen soll, überstürzen sich die Ereignisse um sie herum. In wenigen Stunden kulminieren Entscheidungen über Kontrollzwang von Eltern, verhinderte Abnabelung, vage Lebensentwürfe und die Zukunft von Liebesgeschichten. Köhler und Winckler sezieren die einengenden Beziehungskräfte des deutschen Mittelstandes in einer glaubhaft alltäglichen Handlung und mit der tollen Hauptdarstellerin Maj-Britt Klenke, die zwischen verwöhntem Kind, kleiner Diktatorin und verrückter Frau changieren kann. Sie kommt schon mal auf die Liste für den Darstellerpreis.

Was der Wettbewerb weiterhin bringt, ist noch offen. Die nächste Götterverehrung allerdings schon programmiert: Die Dokumentation „Diego Maradona“ von Asif Kapadia („Amy“, „Senna“) wird am Donnerstag sicherlich viele Tifosi über die Grenze locken.