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Aachen: Victor Gollancz: Frühe Vision für ein vereintes Europa

Aachen : Victor Gollancz: Frühe Vision für ein vereintes Europa

Es braucht nicht viel Fantasie, sich auch heute noch vorzustellen, wie die Festversammlung in der Frankfurter Paulskirche am 21. September 1960 den Atem anhielt: Der soeben von Bundespräsident Heinrich Lübke gewürdigte Träger des Friedenspreises des deutschen Buchhandels, Victor Gollancz, erklärte in seiner Preisrede kurz vor Schluss: „Gäbe es mehr Güte und Liebe in der Welt, Hitler wäre vielleicht nicht Hitler geworden; er wurde, was das Leben und die Welt aus ihm gemacht hatten.“

Um dann nach einem Zitat von William Blake „jeder Verbrecher war als Kind fleischgewordene Freude“ hinzuzufügen: „Ich konnte Hitler nicht hassen. Und von der Tiefe meines Herzens sage ich nun in dieser Halle, die einst ein Gotteshaus war: ‚Möge seine gequälte Seele in Frieden ruhen.‘“ Wir können davon ausgehen, dass sich keine Hand rührte, um Beifall zu klatschen. Es war eine Ungeheuerlichkeit. Eine Provokation. Und sie ist nur zu verstehen aus dem Kontext nicht nur dieser Festrede, sondern aus dem gesamten Lebenswerk dieses britischen Juden, dieses Verlegers und Menschenfreundes.

Victor Gollancz wurde am 9. April 1893 in London geboren, also heute vor 125 Jahren. Seine Eltern waren aus Polen eingewandert, der Vater handelte als Großhändler mit Juwelen. Zu Auseinandersetzungen mit dem Vater kam es, als der Victors beide Schwestern in traditionellem Sinn erzog und sie gegenüber dem Bruder benachteiligte. Victors Sinn für Gerechtigkeit war geweckt. Ein Charakterzug, der sein späteres Leben prägen sollte. Er entwickelte eine Abscheu gegenüber jeder Art von Krieg und Gewalt, sein Schulweg führte ihn durch eines der Londoner Armenviertel. Eine weitere, ihn prägende Erfahrung.

Er war Sozialdemokrat, Humanist und Kämpfer für die Menschenrechte. Zwischenzeitlich stand er den Kommunisten nahe. Er war ein früher Hitler-Gegner, später ein Kritiker der Behandlung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg, insbesondere auch ein Kritiker der Vertreibung jeglicher Art.

Der Friedenspreisträger von 1960 — übrigens in einer Reihe mit Albert Schweitzer (1951), Martin Buber (1953), Hermann Hesse (1955), Karl Jaspers (1958) oder Theodor Heuss (1959) — war eine schillernde Persönlichkeit. Zeit seines Lebens war er auf der Suche nach dem richtigen Weg, vielleicht sogar nach der richtigen Ideologie, die es ihm ohne Gewissensqualen ermöglichte, Krieg und Gewalt zu verhindern und den Menschen Gutes zu tun. Wäre der Begriff „Gutmensch“ heute nicht negativ befrachtet, Gollancz könnte so genannt werden. Er war Soldat und Lehrer, Verleger und Autor, zeitweise Kommunist, ehe er sich nach dem Stalin-Hitler-Pakt von 1939 davon wieder abwandte. Er kämpfte gegen Nationalsozialismus und das Hitlerregime.

Der feste Glaube an das Gute

Nach dem Zweiten Weltkrieg trat er gegen eine Kollektivschuld der Deutschen auf, forderte die Freilassung der Kriegsgefangenen, war gegen die Demontage der deutschen Industrie und prangerte die Verbrechen an, die an den besiegten Deutschen begangen wurden. War er ein Mensch, der naiv war, der Illusionen nachhing, ein Weltverbesserer? Vielleicht von allem ein wenig. Jedenfalls glaubte er an die positive Wirkung von Vorbildern, an das Gelingen von Umerziehung zum Guten.

Und er beließ es nicht bei der Theorie, sondern setzte sich selbst ganz konkret ein: So unterstützte er die vertriebenen Juden, wandte sich gegen die Vertreibung etwa der Sudetendeutschen und half den Palästinensern. Er bereiste die westlichen Zonen Deutschlands in den Jahren 1946/47, um sich selbst ein Bild des zerstörten Landes und vor allem seiner leidenden Bevölkerung zu machen. Er initiierte Hilfsaktionen, sammelte Spenden, schuf eine Luftbrücke für Lebensmittel, aber auch für Bücher.

„Wenn ich für christliche Liebe gegenüber dem deutschen Volk eingetreten bin und auch gegenüber meinem eigenen Volk, dann habe ich es nicht getan, wie einige törichte Engländer oder Deutsche geglaubt haben, weil ich kein Gefühl für das hätte, was geschehen ist, weil ich die Bedeutung von Auschwitz oder Bergen-Belsen nicht erkannt hätte oder weil ich nichts davon wüsste.“ So schrieb er bereits 1947 in einem Beitrag für das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“.

Er selbst sei Vater von fünf Töchtern im Alter von 17 bis 25 Jahren und deshalb in der Erziehung von Menschen nicht ganz unerfahren. Wenn man in einem Moment des Ärgers einem Kind gegenüber unfreundlich sei, so werde es störrisch und hartnäckig. Komme man ihm aber mit Verständnis, Liebe und Güte entgegen, dann löse sich sofort die Schranke, und man habe wieder ein gutes Verhältnis hergestellt. „Wir sollten und müssen wünschen, immer das Gute zu tun und nur das Gute anzunehmen.“ Das scheint die Maxime seines Lebenswerks zu sein.

„Save Europe now“

Ein großes Anliegen war es ihm, sich gegen den Vorwurf der „Kollektivschuld“ gegenüber dem deutschen Volk zu wenden. „Wenn man von Gemeinschaftsschuld spricht, ist es, als ob man behaupten wolle, dass jedes Kind schuldig sei, das 1933 geboren wurde. Es ist genauso unsinnig, als wenn man behaupten würde, jedes neugeborene Judenkind sei am Tode Christi schuldig.“ Er meine, dass der Begriff Gemeinschaftsschuld lächerlich sei. Er möchte die Konzeption der Kollektivschuld ausgelöscht wissen und dafür einen Begriff setzen, der die zukünftige Verantwortung aller Deutschen festlege.

Und wenn man so will, war Gollancz einer der ersten, der nach den Gräueln des Zweiten Weltkriegs eine Vision für ein friedliches Europa entwarf. Er gründete die Organisation „Save Europe now“.

Wahrscheinlich ohne Absprache, konnte er sich einig fühlen mit dem früheren englischen Premier, Winston Churchill, der in seiner berühmten Züricher Rede von 1946 eine europäische Vision entwarf. Es mutet an, als habe Gollancz Churchill die Feder geführt.

War Gollancz durch und durch Humanist, so Churchill der Politiker. Der frühere Premier erhielt für seine Rede 1956 den Aachener Karlspreis. Für diese Ehrung war Gollancz dem damaligen Karlspreiskomitee wohl politisch zu weit links aufgestellt.

1965 wurde Victor Gollancz der Titel „Sir“ verliehen. Am 8. Februar 1967 starb er in seinem Geburtsort London.