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Köln: Verzweifelter Kampf gegen göttlichen Verführer

Köln : Verzweifelter Kampf gegen göttlichen Verführer

Die Kölner Oper stellte an den Anfang der neuen Spielzeit ein hochbedeutendes Werk der Moderne: Hans Werner Henzes 1966 in Salzburg uraufgeführtes „The Bassarids”.

Der Komponist hat den zweistündigen Einakter als sein Hauptwerk bezeichnet. Seine geistig vielschichtigste Arbeit ist dieses Musikdrama nach Euripides allemal.

Was die Librettisten W. H. Auden und Chester Kallman in die antike Tragödie an Psychologie hineingeheimnisst haben, macht das Werk auch heute noch gar nicht so leicht zugänglich trotz Henzes wundervoller Musik. Man spielt in Köln die englische Originalfassung ohne das den dramaturgischen Fluss störende Intermezzo nach dem zweiten Teil.

Vorteil: Die nun notwendige deutsche Übertitelung dürfte der Mehrzahl der Hörer den Zugang zu dem entlegenen mythologisch dramatischen Diskurs um Ratio und irrationale Ekstase erleichtern.

Jasmin Solfaghari hat ihre Inszenierung in einen von mächtigen Tempelquadern bestimmten Rahmen gestellt, der die nach hinten ansteigende Schräge für die großen Chorszenen freilässt - quasi den mythologischen Schauplatz des grausam-visionären Geschehens, den Kytheron, sichtbar macht.

Damit liegt die Linie der Inszenierung fest: Verzicht auf tiefenpsychologischen Ballast zugunsten einer sinnlich greifbaren Erzählung der altgriechischen Göttermythen mit ihren Verhängnissen. Das ist in jeder Phase überzeugend, zumal die raffinierte Lichtregie (Hans Toelstede) das Ihre dazu beiträgt, dem Auge so Opulentes zu bieten wie dem Ohr.

Höchst eindrucksvoll die plastische Personen- und Chorführung. Die „Bassariden” verlangen große Wagner-Stimmen, und an denen mangelt es hier nicht. Ray M. Wade jr., der farbige Dionysos, glänzt nicht nur mit heldentenoralem Strahl, sondern auch mit bestrickender Lyrik. Urban Malmberg gibt dem sich verzweifelt gegen den göttlichen Verführer auflehnenden König Pentheus sowohl sonore Fülle als auch eindringliches gestalterisches Profil.

Ein großer Abend

Das gilt ebenso für den abgedankten König Kadmos von Dieter Schweikart. Eine heuchlerische Charakterstudie für sich ist der Teiresias von Johannes Preißinger in der Maske eines Intellektuellen.

Nicht weniger eindrucksvoll die drei Frauenrollen: Dalila Schaechter als grandiose Agaue, Claudia Rohrbach als Autonoe und Andrea Andonian als Amme Beroe. Ein Sonderlob den für das Ganze mitentscheidenden Chören, die Außerordentliches leisten (Albert Limbach/Andrew Ollivant).

Markus Stenz, Kölns neuer Generalmusikdirektor, ist der souveräne Pultstratege, der seinem Gürzenichorchester ein Höchstmaß an Klangschönheit und Differenzierung, aber auch an dramatischer Innenspannung entlockte. Ein großer, begeistert aufgenommener Abend.

(Weitere Aufführung am 24. September, 5., 7., 9., 21. und 23. Oktober)