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Aachen: Verlierer stehen gegen Verlierer

Aachen : Verlierer stehen gegen Verlierer

Es wäre fast schon wieder originell, Shakespeares „Romeo und Julia” vor den authentischen Kulissen der italienischen Renaissance auf die Bretter zu bringen.

Wurde der Stoff doch schon verlegt in die Schweiz des vorletzten, ins New York des vergangenen oder ins San Francisco des laufenden Jahrhunderts, adaptiert fürs Ballett, fürs Musical und selbst fürs amerikanische Actionkino. Doch Martin Goltsch (Inszenierung) und Lukas Popovic (Dramaturgie) haben es im Rahmen des Projekts „Aachen-Ost” des Aachener Theaters verstanden, die berühmteste Tragödie der Weltliteratur auf den sozialen Brennpunkt der Stadt zuzuschneiden.

Namentlich wird dieser zwar nicht genannt. Doch wenn die verbotene Liebe sich zwischen Mitgliedern perspektivloser Jugendgangs abspielt und von jungen Darstellern aus ebendiesem Stadtteil dargeboten wird, ist der Hintergedanke offensichtlich - jedes Mitglied des spielfreudigen Ensembles des Projektes zeigt ein Stück weit auch sich selbst und sein eigenes Leben.

Der Kampf zwischen Montagues und Capulets ist hier der von Türken gegen Rechte, von „Kanaken” gegen „Kartoffeln” - von Verlierern gegen Verlierer. Entsprechend ruppig zurechtgestutzt wurden die Zeilen der Vorlage. „Wieso muss dieses Arschloch mir auch seine Fresse gegen die Faust rammen”, heißt es. Oder: „Mit denen reden? Klar, wir sagen ,Verpiss dich, Kanake.”

Doch die Adaption begnügt sich nicht mit einem verbalen Gegenentwurf zum Werk des Sprachvirtuosen Shakespeare, der aktuelle Bezug erschöpft sich nicht in der Sprache der Straße. Hier werden im deutschen Milieu anzutreffende Stereotypen zur vermeintlichen Ausländerproblematik ebenso aufgegriffen wie Zwangsehelichungen im türkischen. Bevor der Bezug zur Aktualität im letzten Viertel dann doch etwas verloren geht, streift das Skript noch die Themen Jugendarbeitslosigkeit und Kameraüberwachung.

Dementsprechend fällt die Umzeichnung der Charaktere aus. Mercutio (Willi Ezilius) ist ein versoffener Schläger mit Faible für Pornographie, Paris (Tamer Celtek) ein schmieriger Ludentyp, Lorenzo (André Schülke) ein Spelunkenwirt, der nur ironisch als „Priester” bezeichnet wird. Einzig Romeo (Alexander Milz) und Julia (Pinar Camkiran) wollen der Gewalt entfliehen. Und darin sind sich wohl alle Interpretationen gleich. Vom Musical bis zum Actionkino, von San Francisco bis Aachen-Ost.