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Aachen: Verliebt in die Hoffnung auf ein besseres Morgen

Aachen : Verliebt in die Hoffnung auf ein besseres Morgen

Vergangene Woche ist Lena Meyer-Landrut in Berlin gewesen, da sind sie bei n-tv fast ein bisschen ins Schleudern geraten. Die Nachricht traf den Nachrichtensender offenbar ebenso unvorbereitet wie den Rest der Republik, es folgten hektische Minuten.

Die laufende Politikberichterstattung wurde unterbrochen, die Moderatoren im Studio erklärten, Lena Meyer-Landrut sei jetzt in Berlin und schalteten live in die Innenstadt. Eine wackelige Kamera zeigte Lena am Brandenburger Tor, Lena vor Geschäften, Lena auf einer Bank. Am unteren Bildrand lief immer wieder ein Schriftzug entlang, auf dem stand: „Lena auf Visite in Berlin.” Das war auch der Tenor der Berichterstattung eines einigermaßen aufgewühlten Kommentators.

Warum sie in Berlin war? Das war der n-tv-Berichterstattung nicht zu entnehmen. Dem Sender hat es genügt, Bilder von ihr zeigen zu können und ihr ein paar Sätze abzuringen. Das ist dieser Tage eine Menge wert, weil es Aufmerksamkeit garantiert. Die Republik ist ein bisschen verliebt in diese Lena.

Wie DDR-Staatsratswahlen

Die 18-jährige Schülerin aus Hannover wird Deutschland am 29. Mai beim European Song Contest in Oslo repräsentieren, das ist das Ergebnis eines sechswöchigen Ausscheidungssingens in der ARD-ProSieben-Gemeinschaftsproduktion „Unser Star für Oslo”. Es war gar nicht einmal so, dass Lena die beste Sängerin im Feld der Bewerber gewesen wäre, aber sie hat etwas, das Zuschauer wie Juroren für sie eingenommen hat: Charme, Willen, Anmut, Intelligenz, Frechheit. Das Finale, in dem sie gegen die eigentlich mit einer besseren Stimme gesegnete Jennifer Braun zu bestehen hatte, war so spannend wie Staatsratswahlen in der DDR. Im Grunde stand die Siegerin fest, bevor die erste Minute versendet war.

Als Nicole Hohloch im April 1982 als bisher einzige deutsche Vertreterin den Grand Prix d´Eurovision, wie der European Song Contest damals hieß, gewann, war sie 17 Jahre alt und sang „Ein bisschen Frieden”. Sie saß mit weißer Gitarre und Dauerwelle auf einem Hocker in Harrogate, einer kleinen englischen Stadt westlich von York, und sang leise für den Weltfrieden. Draußen tobte laut der kalte Krieg.

Nicole war der bürgerliche Gegenentwurf zu den langhaarigen Friedensbewegten, die gegen Atomkraft, Atomwaffen und Nato-Gipfel protestierten. Die Anliegen der Friedensbewegung waren durchaus gesellschaftsfähig, die Menschen, die zum Teil auch mit Gewalt dafür eintraten, waren es nicht. Nicole und ihre weiße Gitarre waren die kleinstmögliche Schnittmenge aus Friedensbewegung und der bürgerlichen Wohlanständigkeit der Bonner Republik. Mag sein, dass ihr das damals in Harrogate den Sieg eintrug.

Als Lena im März 2010 klar wurde, dass sie für Deutschland nach Oslo zum European Song Contest reisen würde, sagte sie: „Fett, man das ist fett.” Mehr erst mal nicht.

Lena steht zunächst für nichts als sich selbst. Keine Politik, kein Anliegen. Warum auch? Während sie das einseitige Finale gegen Jennifer Braun gewann, war Guido Westerwelle in Brasilien unterwegs und versuchte, sich in Richtung Staatsmännischkeit zu floskeln. Das Land diskutierte über die Sozialgesetzgebung, über die Gesundheitsreform, über Kindesmissbrauch in der Kirche. Alles keine Themen, die sich in dreieinhalb Minuten griffig besingen ließen.

Wenn die Jugend nicht weiß, wogegen sie rebellieren soll, muss sie sich eben selbst inszenieren. Das gelingt Lena so gut, dass man vor Staunen kaum den Mund geschlossen halten kann.

Lena ist eine Art Antipode zur ernsten Biederkeit der 80er Jahre, zum oberflächlichen Hedonismus der 90er, zur Perspektivlosigkeit der 00er-Jahre. Dass Nachrichtensender wegen ihr die laufende Berichterstattung unterbrechen, dass ihr von allen Seiten verliebte Artikel zugetragen werden, dass sich ihre Singles verkaufen als käme nichts mehr nach ihr, hat auch damit zu tun, dass sie, wenigstens in diesem Frühjahr, die Hoffnung auf eine bessere Gesellschaft verkörpert. Insofern ist das, was in sie hineinprojiziert wird, vielleicht am Ende doch politisch.

Wenn heute von „der Jugend” die Rede ist, dann meist im negativen Kontext: Komasaufen, Ausbildungsplatzmangel, Jugendarbeitslosigkeit, Jugendarmut, Jugendkriminalität. Fast ist es, als habe die Gesellschaft die Hoffnung in die Jugend, die sie selbst hervorgebracht hat, etwas verloren. Und dann kommt eine wie Lena.

Eine, die so ist, wie man sich die Gesellschaft von morgen wünscht: gebildet, talentiert, aufrichtig und trotzdem fähig zur Selbstironie. Wahrhaftig. Sie könnte die Gunst der Stunde nutzen und mit Macht eine Karriere als Society-Sternchen vorantreiben. Stattdessen macht sie erst mal Abitur. Überdies ist sie mit einem Selbstvertrauen ausgestattet, das jeder Herausforderung standzuhalten scheint. Man könnte sie sich auch als Ärztin vorstellen, oder als Maybritt Illner. Fern der Debatten über PC-Ballerspiele, medialer Verrohung und schulischer Überforderung verkörpert Lena eine Leichtigkeit, die die Deutschen gerne versuchen zu imitieren, die ihnen aber eigentlich nicht zu eigen ist. Bislang zumindest nicht.

Wenn Lena auftritt und singt, dann sieht sie meist ein bisschen ungelenk aus. Ihre Beine stellen sich hin und wieder kurz zu einem X, ihre Bewegungen sind ein bisschen ruppig, ihre Gestik unbeholfen. In der Summe mag all dies nicht perfekt sein, aber weil Lena keinen Hehl aus ihrer Nicht-Perfektion macht, wirkt sie irgendwie anmutig. Und weil sie versteht, was sie singt, weil sie sich bemüht zu erzählen, was das Lied sagen will, werden ihre Bewegungen zu einer Art Ausdruckstanz ihres Gesangs. Sie ist authentisch, sie ist sie selbst. Das vor allem.

In einem Land, dessen Prominenz aus Politik, Sport und Show im Wesentlichen aus Angepassten, Floskelmaschinen und Selbstdarstellern besteht, ist sie eine ziemliche Ausnahmeerscheinung. Es ist, als sehne sich das Land nach Wahrhaftigkeit, und Lena ist so etwas wie die vorübergehende Verkörperung dieser Sehnsucht.

Nicht jeder wird sich mit ihrem extrovertierten, etwas überheblichen, bisweilen fast blasierten Auftreten identifizieren können, und doch dürfte bei vielen die Erleichterung groß sein, dass es neben dem in den Medien so omnipräsenten bohl´schen Imperativ (Gebe dich selbst auf, dann werde ich dich groß rausbringen!) noch ein anderes Credo zu geben scheint: Bleibe wie du bist, und du hast Erfolg! Lena Meyer-Landrut ist die Antwort des Bildungsbürgertums auf die Menowin Fröhlichs, die Mark Metlocks und all die anderen gescheiterten Existenzen, die das Privatfernsehen in Shows wie „Deutschland sucht den Superstar” oder „Germany´s next Topmodel” zu vermeintlichen Showgrößen erklärt. Bei dem Gedanken, dass diese Gernegroßen, die Samstag für Samstag bei Dieter Bohlen vorstellig werden, einmal unserer Zukunft gestalten sollen, kann man Menschen verstehen, die den Untergang des Abendlandes prognostizieren.

Gut, dass es Stefan Raab gibt!

Ein Satz, den man in diesem Zusammenhang bis vor Kurzem so wohl auch nicht hätte schreiben dürfen. Doch dem Kölner Spaßmacher und Zotenreißer ist es nicht zum ersten Mal gelungen, ein Castingformat zu initiieren, dass es Menschen wie Max Mutzke, Stefanie Heinzmann und eben Lena Meyer-Landrut erst ermöglicht, sich im Fernsehen so zu geben, wie sie sind. Nichts Privates, nichts Skandalöses, keine Erniedrigung und keine übertriebene Dramatik. Seine Shows leben von der herausragenden Band, den Stimmen der Künstler und dem Mut, auch unkonventionelle Titel ins Repertoire aufzunehmen. Stars werden nicht gemacht, sie dürfen entstehen.

Da war selbst Lena Meyer-Landrut überrascht. Nach dem Gewinn des Vorentscheids liefen ihr ein paar Tränen hinunter. Dann sagte sie, dass sie nicht gedacht hätte, dass sie das so mitnehmen werde. „Man denkt immer, ach die Alten mit ihrem Casting-Scheiß. Aber das ist echt fett, das ist so fett, so verdammt derbe.” Dieses Kompliment dürfte selbst den Medienprofi Raab gefreut haben.

Eine Lilie am Oberarm

An der Unterseite ihres linken Oberarmes trägt Lena eine kleine Tätowierung, eine Lilie. Als jemand vor laufender Kamera wissen wollte, was es wohl mit dieser Tätowierung auf sich habe, da hat sie ihm Folgendes geantwortet: „Das ist ein stilisierte Lilie. Was das bedeutet, können Sie bei Wikipedia nachlesen. Was sie für mich bedeutet, werden Sie nicht erfahren.” Keine weiteren Fragen.

Heute Abend tritt Lena bei „Wetten, dass...?” auf. Sie wird zwischen Komponist Andrew Lloyd Webber, Oscar-Preisträgerin Emma Thompson und Opernikone Anna Netrebko sitzen.

Die drei werden Mühe haben, Lena Meyer-Landrut die Show zu stehlen.