Aachen: Verdis Opernhit „La Traviata“ am Theater Aachen auf die Schräge geführt

Aachen : Verdis Opernhit „La Traviata“ am Theater Aachen auf die Schräge geführt

Der Weltraum. Unendliche Weiten. Wir sitzen bequem in den Polstern des Theaters Aachen und freuen uns auf Verdis „La Traviata“. Ewa Teilmans inszeniert. Und da geht es natürlich ums Ganze, um den Kosmos Liebe. Deshalb also der Enterprise-Blick, als animierte Projektion auf den geschlossenen Vorhang. Aufgehübscht, im Sternenkreuzer so nicht ganz vorstellbar, mit ein paar träumerischen Sternschnuppen.

Wir sind ja aber auf der Erde, in der Wirklichkeit. Und da glotzt zum dritten Akt mit dunklen Augenhöhlen unmissverständlich der Tod aus dem All in die Szenerie. Schließlich geht die Sache ja so herzzerreißend schlecht aus.

Sicher trotz Rest-Erkältung: Alexey Sayapin als Alfredo. Foto: Carl Brunn

„La Traviata“ ist der Opernhit schlechthin. Daher sind bis Spielzeitende mal locker 21 Vorstellungen anberaumt, bei denen die Zuschauer einen Ohrwurm nach dem anderen wiedererkennen dürfen. Und Hausregisseurin Ewa Teilmans hat sich bei ihrer Inszenierung mit aktuellen Verweisen auf unsere unvollkommene Welt angenehm zurückgehalten.

Sie stellt schlicht ihre Hauptdarstellerin ins Zentrum, wo sie auch hingehört. Sie hat sich auf die Idee von Bühnenbildnerin Elisabeth Pedross eingelassen: eine zum Zuschauerraum abschüssige runde Scheibe. Das hat was von unausweichlichem Abgrund. Der Raum ist leer schwarz und hermetisch, bei Bedarf öffnen sich schicke Schlitze für die Auftritte des Chores und für eine Galerie.

Teilmans’ Violetta darf nicht husten, Lungentuberkulose ist aus der Mode. Die tragische Titelgestalt, die bei Dumas noch „Kameliendame“ heißt, leidet offenbar an einer Krankheit, die nur mit Koks zu ertragen ist. Die Regisseurin lässt Violetta — mit ewig transparentem Rock und obenrum reichlich wenig an — schon bei der Ouvertüre eine Nase voll nehmen. Später, als es ans Sterben geht, kommen die harten Sachen direkt in die Venen. Dazu bittet sie die Moribunde ins Schlafzimmer-Untergeschoss, wo sich unvermittelt ein Keller mit Nebelschwaden und gelbem U-Bahn-Licht auftut. Ach ja, die armen Junkies.

Die meiste Zeit jedoch bildet die zeichenhaft reduzierte Bühne sehr sinnfällig die Einsamkeit ab, in der die beiden Liebenden einen Weg abseits einer durch und durch abgeschmackten Gesellschaft suchen. Hier singt die französische Sopranistin Solen Mainguené ihre herzzerreißend tragischen Arien, hier leuchtet der Tenor von Alexey Sayapin, der den Alfredo trotz Rest-Erkältung auf sichere Füße stellt. Hier darf auch Hrólfur Saemundsson als Alfredos Vater seinen schönen Bariton klingen lassen.

Gesungen wird durchweg edel

Wie im Fokus entwickeln diese drei Figuren individuelles Profil. Schauspielerisch ist das Liebespaar eine Augenweide, Saemundsson wie üblich etwas tapsig. Gesungen wird durchweg edel, Mainguenés Sopran hat schöne Farben, gerade im luftigen, verlöschenden Piano große Suggestion. Die Sopranistin meistert jede Höhe, nur zum Schmelzen, zum weichen Fließen der großen Melodien bräuchte ihre Stimme noch Entwicklungszeit.

Viel Aufmerksamkeit, viele Details stecken in der Behandlung des Chores. Ewa Teilmans lässt die Kostümabteilung unter Andreas Becker so richtig was fürs Auge schaffen. Tumultös, durchaus grandios sind diese Szenen, in denen sich das Leben meist hinter Masken abspielt. Männer dominieren diese Welt, die um sich selbst kreist und letztlich zerstört, was anderes will.

Chor und Extrachor können sich schauspielerisch und gesanglich auszeichnen. Und das trotz einiger Wackler in der Kommunikation mit dem Graben.

Dort waltet Karl Shymanovitz, der Zweite Kapellmeister des Hauses, mit dem Ewa Teilmans schon die „West Side Story“ erarbeitete. Er legt Wert auf Fulminanz, lässt dabei gern die Posaunen bellen, haut gern mal so richtig den satten Sound raus. Das Sinfonieorchester Aachen folgt engagiert, hat aber auch zarte, beschwingte Töne und versteht seinen Verdi. Die Solisten auf der Bühne haben es also meist gut.

So erlebt das Aachener Publikum eine „Traviata“ ohne großartige Irritationen. Der Sterbeakt ist mal wieder zum Heulen. Da hat man sich auch an die Figur gewöhnt, die den gesamten Abend mit vielsagendem Blick um die Drehbühne herumschleicht: der Dottore, dem Vasilis Tsanaktsidis, ein Chor-Bass, Körper und Stimme leiht. Er kann nicht helfen, wie wir wissen. Der Rest steht in den Sternen.

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