Vera Sous zeigt Ausstellung „Exodus“ in Aachen

Raum für Kunst in Aachen : Fein gestickte Botschaften, die wehtun

Schönheit und Schauder: Die Aachener Künstlerin Vera Sous hält die Schicksale geflüchteter Menschen fest – mit Nadel und Faden. Jetzt stellt sie im Raum für Kunst aus.

Ihr auf die Finger schauen will man unweigerlich. Vera Sous streckt sie hervor: Rötungen, ein paar kleine Kratzer und Einstiche. Ihre Arbeit hat Spuren hinterlassen. „Wie ein Geschichtsschreiber“ will die Aachener Künstlerin Schicksale geflüchteter Menschen fixieren – mit Nadel und Faden. „Das braucht seine Zeit, das muss wehtun“, sagt die 56-Jährige, die jetzt im Aachener Raum für Kunst 16 großformatige Bildteppiche, mehrere kleinere Textilarbeiten und drei Figurengruppen präsentiert. Und tatsächlich: Es ist Kunst, die auf den ersten Blick schön erscheint, aber doch wehtut – nicht nur der Künstlerin.

Entsponnen hat sich die Textilkunst von Vera Sous aus ihrer Arbeit mit jungen Flüchtlingen. Wobei ihr der Ausdruck „Flüchtling“ nicht gefällt. „Jetzt nenne ich sie nur noch Freunde“, sagt die gebürtige Stolbergerin. Seit 2015 bietet sie in Aachen Projekte für Menschen aus Afghanistan, Syrien, Eritrea und vielen weiteren Krisengebieten an; sie haben ein Schiff gebaut, Kunst, Musik und Theater gemacht, getanzt und gekocht – auch mit ihren Eltern, dem Würselener Bildhauer und Goldschmied Albert Sous und seiner Frau Susi, und gemeinsam mit Tochter Ana, die seit kurzem das Aachener Atelierhaus leitet.

Persönliche Gespräche und Nachrichtenszenen sind Stoff für die „Allerweltsbilder“ von Sous. Sie hat Segeltuch gefärbt, mit Linolschnitten bedruckt, mit Hand und Nähmaschine Silhouetten und Schriftzüge gestickt, Fäden aus den Jeans Geflüchteter ebenso verwendet wie alte Goldbordüren. Da werden Zäune, Stacheldrähte und Fluchtrouten zu Mustern im menschlichen Leid, wird die brennende Aktualität mit einfarbig ausgeblichener Patina verfremdet. Fein greift Sous Traditionen rahmender Arabesken, liturgischer Fahnen und „Schöner Arbeiten“ im Kloster auf. Leichthin könnte man ihre Stickkunst als brav und „typisch weiblich“ belächeln, als Kunsthandwerk abtun. Aber so leicht macht es sich Vera Sous nicht.

Gleich am Eingang etwa wird der Betrachter auf seinen Voyeurismus gestoßen. „Jäger und Sammler“, „Hirten und Nomaden“ zeigt Sous – platziert im Museum. Ein „Menschenzirkus“, der unseren Blick aufs Fremde spiegelt. Die Serie führt vom Kolonialismus der Vergangenheit ins Heute: ein Flüchtlingslager, über dem schützend Magritte-Regenschirme fliegen. Ein utopisches Bild.

Der Gang durch die Schau ist eine Gratwanderung zwischen Schönheit und Schauder, schmückendem Ornament und drohendem Tod. Unter dem gestickten Mayday-Notruf drängen sich Männer auf einem Schiff; auf der Rückseite des Teppichs schweben Quallen durchs Blau. Kein Rettungsring, nirgends. Wie Hohn liest sich der Titel „Afghanistan – sicheres Land“ über einem zerbombten Hochhausgerippe, davor ein einsames Mädchen mit hängendem Kopf. Die Botschaften sind deutlich. „Sehr didaktisch!“, bestätigt Vera Sous. Heftiges Nicken, Lachen. „Aber das ist notwendig!“

Eröffnet wird die Ausstellung „Exodus“ im Raum für Kunst in der Aachener Elisengalerie am Freitag, 15. November, 19 Uhr, mit einer Rede des Aachener Autors Suleman Taufiq. Bis zum 4. Januar zu sehen; Di., Do. bis Sa., 12-17 Uhr.