1. Kultur

Aachen: „Unverständlich, verletzend, ein Affront”

Aachen : „Unverständlich, verletzend, ein Affront”

Was wird aus dem Aachener Suermondt-Ludwig-Museum? Steht das traditionsreiche Haus vor einer Zerreißprobe? Das fragen sich die Kunstfreunde, nachdem der designierte neue Direktor, Peter van den Brink, in einem Interview mit unserer Zeitung freimütig seine Pläne offenbarte.

Danach soll jegliche „neue Kunst” sofort herausfliegen, Fotografie allenfalls bis 1920 zugelassen und im übrigen erst einmal drei Jahre lang aufgeräumt und renoviert werden, ehe die erste Ausstellung aus seiner Hand zu erwarten ist.

Van den Brinks Position entspricht einer radikalisierten Version eines Programms, das 2001 die Kultur-Beratungsfirma Lord Cultural Planning & Management Inc. nach einer eingehenden Analyse empfohlen hatte: eine stärkere Konzentration auf die Sammlung mittelalterlicher Kunst und eine klarere Konzeptionierung der Wechselausstellungen.

Wir hörten uns um, wie Van den Brinks Pläne angekommen sind.

Langes Aufräumen

Deutliches Stirnrunzeln erntet der Maastrichter Experte für flämische Kunst beim Vorsitzenden des Museumsvereins (2000 Mitglieder), Hans-Josef Thouet.

Vor allem die dreijährige Renovierungszeit hält er für „unglücklich”, „verletzend” und für einen „Affront”. „Das haben die Mitarbeiter des Hauses nicht verdient. Sie haben sich sehr gut geschlagen.” Und: „Drei Jahre aufräumen, das kann nicht einem Fünf-Jahres-Vertrag entsprechen.” So lange ist die Amtszeit de neuen Direktors zunächst einmal vorgesehen.

Der modernen Kunst den Laufpass zu geben - auch davon hält Thouet nichts. „Der Bogen vom Mittelalter zum Heute macht das Neue genau so leichter verständlich wie das Alte”. Erst dieses Spannungsfeld zwischen mittelalterlicher und zeitgenössischer Kunst mache die Sammlungen des Hauses „ausstellungswürdig”.

Thouets Hoffnung: „Er wird sich ändern. Nur Feiglinge ändern sich nicht.” Persönlich, verhehlt er nicht, habe Van den Brink einen guten Eindruck bei ihm hinterlassen.

Dessen Vorgänger, Ulrich Schneider, den wir in Frankfurt sprachen, wo er das Museum für Angewandte Kunst leitet, gibt sich auf Anfrage diplomatisch-deutlich: „Wir haben zwischen 1991 und 1994 während des Umbaus das Museum komplett ausgeräumt, in die Interimssammlung gebracht und nachher wieder vollständig eingeräumt. In drei Jahren kann man schon viel schaffen.”

Und: „Das Haus hat in der Zeit, in der ich mitgearbeitet habe, ein sehr aussagekräftiges Profil gezeigt. Dabei war der Dialog zwischen den Epochen von großer Wichtigkeit.”

Schneider bedauert vor allem, dass die Fotografie künftig wegfallen soll, nachdem Sylvia Böhmer diesen Bereich „deutschlandweit, wenn nicht europaweit großer Bedeutung” zugeführt habe.

Schneider wünscht dem Nachfolger „von ganzem Herzen Glück im Umgang mit der Kunst, den Besuchern und den Mitarbeitern.”

„Unverständlich” findet der Medizin- und Kunsthistoriker Axel Hinrich Murken, bislang als Sammler ein wichtiger Partner des Hauses, die Position des neuen Mannes und verweist darauf, dass das Suermondt-Ludwig-Museum seit über 100 Jahren ein Sammlermuseum und eine multifunktionale Einrichtung sei.

Murken: „Das Museum beschneidet sich um wichtige Ressourcen.” Ehefrau Christa Murken, gleichfalls Kunsthistorikerin: „Die Konfrontation von alter und neuer Kunst war immer eine spannende Sache.”

Überdies liege in ihrer Sammlung ein großes Ideenpotenzial, das überhaupt nicht genutzt werde: Ausstellungen über den Surrealismus, zum Beispiel Edgar Ende, oder „Das Bild der Frau im 20. Jahrhundert” - all das sei auf Anhieb möglich zu realisieren.

Hugo Jung, ein weiterer Partner mit erstklassiger Sammlung, empfiehlt eine „dringende Zusammenarbeit” mit den Sammlern, wartet aber vor einer eingehenderen Stellungnahme das persönliche Gespräch mit Van den Brink ab.

Das Meinungsbild der kulturpolitischen Sprecher der Ratsfraktionen fällt etwas uneinheitlich aus: Während Margarethe Schmeer (CDU) mit Van den Brink durchaus einer Meinung ist, dass der „Zustand des Museums nicht so toll” und allgemein der Neuanfang eine „große Chance” sei, üben die Kollegen Hermann-Josef Pilgram (Grüne) und Sibylle Reuß (SPD) massive Kritik.

Pilgram: „Die dreijährige Renovierungszeit ist kontraproduktiv. Wenn er das ernst meint, sollte er den Job gar nicht erst annehmen.”

Van den Brink tritt sein Amt am 1. März an. „Kontinuität ist wichtig.” Im übrigen sei geplant, das Kulturangebot im Ganzen neu zu managen, weil „die Aachener Museen schlecht abschneiden”. Der geringe Erfolg lohne sonst den Aufwand nicht.

Ein Konzept, das auch Sibylle Reuß favorisiert. Allerdings hält sie Van den Brink nach seinen Äußerungen nicht mehr für den richtigen Mann, um Ludwig Forum und Suermondt-Ludwig-Museum gemeinsam zu managen.

Sie fühlt sich in ihren anfänglichen Bedenken gegen ihn bestätigt. Von „rigidem Ausmustern” hält sie gar nichts. „Publikumswirksame Ausstellungen kann man nicht einfach aus dem Magazin machen.”

Und was sagen die Mitarbeiterinnen des Museums? Grafik-Expertin Dagmar Preising: „Ich gehe davon aus, dass ich im Kupferstichkabinett weiterhin alte und zeitgenössische Kunst präsentiere.”

Foto-Expertin Sylvia Böhmer hofft, dass sich viele Punkte im Gespräch klären werden. Auch sie geht davon aus, weiterhin nicht nur klassische, sondern auch zeitgenössische Fotografie auszustellen. „Es kann nicht darum gehen, einen erfolgreichen Strang abzubauen, sondern einen neuen aufzubauen.”

Die Willy-Ronis-Schau war mit 7000 Besuchern eine der erfolgreichsten Ausstellungen der letzten Jahre. Wenn es nach Van den Brink ginge, wäre es die letzte ihrer Art gewesen.