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Aachen: Unterwegs mit Joschka Fischer

Aachen : Unterwegs mit Joschka Fischer

Gewöhnlich bemühen sich Journalisten um möglichst originelle Fragen. Gegenüber Joschka Fischer scheint die Regel momentan jedoch nur bedingt zu gelten. In fast jedem seiner Pressegespräche taucht derzeit irgendwann der Satz auf. „Herr Außenminister, ist dieser Wahlkampf für Sie eine Art Abschiedstournee?”

Stereotyp die Antwort. Der grüne Spitzenkandidat gibt seinen Gesichtszügen einen mäßig genervten Ausdruck und dann folgt ein langgezogenes „Neeeeiiiin”. Es klingt wie das „Nein” eines Kindes, das zum hunderteinundzwanzigsten Mal beteuern muss, nun wirklich nicht vergessen zu haben, die Zähne zu putzen.

Aber was soll Fischer auch anders antworten? Etwa: „Ja, das Rennen ist gelaufen”? Oder: „Hartz IV war notwendig, hat der Bundesregierung aber das Genick gebrochen”? Oder gar: „Rot-Grün kann nicht gewinnen, weil der überwiegende Teil der Presse sich auf uns eingeschossen hat und Angela Merkel hofiert”?

Fischer mag das vielleicht denken, sagen kann und will er es jedoch nicht. Selbst den alten Sponti-Kalauer „Wir haben keine Chance, aber wir nutzen sie” verkneift sich der Außenminister. Stattdessen bemüht er den Stehsatz eines jeden Politikers, dessen Partei oder Wunschkoalition kurz vor einem Urnengang in den Meinungsumfragen hinten liegt. „Es ist für uns noch Luft nach oben drin, die Wahl wird erst in den letzten Tagen entschieden.”

Man mag das als pures Wunschdenken abtun. Aber Fischer weiss seine These mit Zahlen zu belegen. „Bei der vergangenen Europawahl haben sich 40 Prozent der Grünen-Wähler erst in den letzten drei Tagen vor der Stimmabgabe für uns entschieden,” erklärt er. „Sie diskutieren lange, wägen ab und entscheiden sich erst viel später als die Anhänger anderer Parteien”.

Natürlich verweist er auch auf den Wahlkampf 2002. „Damals wurde in der Presse doch diskutiert, ob die Grünen überhaupt eine politische Überlebenschance haben. Und was ist passiert... ?” Die Antwort braucht er nicht zu geben. 2002 holten die Grünen mit 8,6 Prozent ihr bislang bestes Ergebnis bei einer Bundestagswahl und die ausländische Presse feierte Fischer als den „Mann, der Gerhard Schröder rettete”.