„Unterleuten“ vin Juli Zeh im Theater Aachen

Aachen : „Unterleuten“ im Theater Aachen: Tödliches Dorfleben mit virtuellem Dreh

Sagt der Kollege: „Super, die spielen das im Theater, dann muss ich den Schinken nicht selbst lesen!“ Klar, nur eine Momentaufnahme, sicherlich nicht repräsentativ. Aber der eine oder die andere, die Juli Zehs dicken Roman „Unterleuten“ tatsächlich noch ungelesen im Regal verstauben lässt, darf frohlocken: Aachen will es unter zweieinhalb Stunden schaffen — inklusive Pause.

Die 640 Buchseiten über Unterleuten, ein fiktives Dorf in Brandenburg, werden also vertheatert. Nach der Uraufführung im November 2017 in Weimar, nach Bonn (wo in den Kammerspielen derzeit TV-Moderator Max Moor als Landwirt in die Gummistiefel steigt) und Potsdam ist die Aachener Bühne bereits die vierte Station.

Inszeniert erstmals in Aachen: Marcus Lobbes. Foto: Christian Weiss

Ja, der Bestseller von 2016 und die prominente Autorin ziehen. Weitere Theater wollen den Text nächste Saison spielen. Der Vielschreiberin Juli Zeh („Schilf“, „Nullzeit“), deren „Spieltrieb“ bereits 2012 in der Aachener Kammer zu sehen war und die mit „Leere Herzen“ aktuell schon den nächsten (etwas dünneren) Roman in die Charts gebracht hat, gelang mit „Unterleuten“ ein Zeit- und Gesellschaftspanorama mit Krimielementen. Zwar etwas länglich, aber anschaulich. Das kam sogar in den Feuilletons gut weg.

Sicher von Vorteil, dass die 43-jährige Schriftstellerin, Juristin und gesellschaftskritische Zeitungsessayistin selbst auf dem Land im Brandenburgischen lebt. Ob sie von da zur Premiere nach Aachen reist? Eingeladen ist sie, aber kommen wird sie nicht, glauben die Aachener Theaterleute. Nicht mal zur Uraufführung sei sie erschienen. Ja, bestätigt ihr Lektor Nils Tabert, Leiter des Rowohlt-Theaterverlags, „mangels Zeit“ habe Juli Zeh noch keine „Unterleuten“-Aufführung gesehen. Aber sie versuche, das nachzuholen.

Wohl geordnete Verhältnisse auf der Drehbühne

Das Aachener Unterleuten schaut auch ansehnlich aus: eine weiße Häuserfront, vier Türen, vier Fenster, vier Lampen, vier Briefkästen, eine Katzenklappe. Wohl geordnete Verhältnisse auf der Drehbühne. Scheinbar. Der Kampf um Windräder wird das ganze Dorf durcheinanderwirbeln. Nicht nur Verletzte sind schließlich zu beklagen.

Gekämpft wird an verschiedenen Fronten: zugezogene Hauptstädter gegen alteingesessene Provinzler, Wendegewinner gegen Wendeverlierer, Kampfläufer (so heißen die bedrohten Schnepfenvögel) gegen Rotorblätter, (Alt-)Kommunisten gegen Kapitalisten und so weiter. Ein dicht gesponnenes Macht- und Intrigenspiel, in dem in Aachen aber viel weiße Fläche für Videoprojektionen bleibt. Das ist die besondere Spielidee.

Bisher haben die Theater jeweils ihre eigenen Fassungen erarbeitet. In Aachen übernahm dies Chefdramaturgin Inge Zeppenfeld. Gar nicht so leicht bei einem Roman, der eher schmales Dialog-Material bietet, dafür viele Figurengedanken, Beschreibungen und Perspektivwechsel. Schließlich wurden aus 640 Roman- aber 79 Stückseiten, von 35 relevanten Romanfiguren wurden elf übernommen. „Und dann musste Juli gucken, ob's okay ist“, meint Zeppenfeld, die Juli Zeh aus ihrer Zeit am Landestheater Tübingen kennt. „Aber sie ist ja ganz umgänglich.“ Und tatsächlich, sie hatte keine Einwände. Obwohl Zeppenfelds Version diesen besonderen — virtuellen — Dreh hat.

Super Mario trifft „Southpark“

Darauf gebracht hat sie eine Randfigur des Romans: Computerspiel-Entwickler Frederik, der Natur am liebsten auf dem Bildschirm sieht. Aus dem hippen Berlin ist er seiner Freundin Linda, einer Pferdever-steherin, zuliebe nach Unterleuten gezogen. Ohne Haltung schaut er sich das Drama da an — und macht ganz Unterleuten zu einem Strategiespiel. In „Traktoria nature“ trifft vermeintliche Landidylle auf neuste Technologie, und das Theater hat mit der zusätzlichen Videoebene ein Sprungbrett hin zur Überhöhung.

Zeppenfelds Idee, die „Virtualisierung von Realität“, überzeugte auch den Regisseur: Aber Marcus Lobbes ist ja in einem Computerhaushalt aufgewachsen, sein Vater hat Großrechenanlagen gebaut, und heute sieht der 51-Jährige nicht nur an seinen beiden daddelnden Söhnen, welch große gesellschaftliche Bedeutung virtuelle Welten haben. Daher gibt Lobbes jetzt nicht nur sein Aachen-Debüt, sondern inszeniert auch erstmals eine Romandramatisierung.

Denn obwohl er gut zu tun hat (zuletzt zum Beispiel mit Senecas „Oedipus“ in Mainz, Shakespeares „Sturm“ in Wuppertal und Mike Daiseys „Trump“ in Dortmund), hat der gebürtige Kölner, der seit 1995 als Regisseur im Musik- und Sprechtheater arbeitet, sich bisher erfolgreich gegen den Trend gestemmt. „Ich dachte immer: Es gibt so viele schöne Theaterstücke. Romane kann ich doch auch selbst lesen!“ Nun aber hat Lobbes zugegriffen und Zeppenfelds Theaterversion gemeinsam mit dem Ensemble weiterentwickelt; Fassung Nr. 12 soll die letzte bleiben.

Ein virtuelles Verwirrspiel hat bereits Juli Zeh selbst mit fiktiven Websites betrieben; im Netz kann man etwa die Speisekarte der Dorfgaststätte „Der Märkische Landmann“ studieren oder T-Shirts beim Vogelschutzbund Unterleuten bestellen. „Wir treiben die Virtualisierung nur einen Schritt weiter“, meint Lobbes.

Daher hat 3D-Artist Michael Deeg für den Abend rund 40 Videosequenzen produziert, die in ihrer Browserspiel-Ästhetik irgendwo zwischen „Southpark“ und Super Mario explodieren, durchaus mit realistischem Touch. Vorsorglich gibt Zeppenfeld aber schon mal Entwarnung an die gemütlichere Lesefraktion im Ohrensessel: „Der Zuschauer wird nicht mit Videos zugeballert. Das ist nicht Film, sondern Theater!“ Andererseits: Vielleicht ist die Aufführung für Lesefaule ja auch Anregung zur ausführlichen Lektüre?

Diejenigen, die den Roman nicht kennen, sollten ein gutes Personengedächtnis mitbringen, meint die Dramaturgin. Und der Besuch der Einführung (eine halbe Stunde vor Beginn der Abovorstellungen) könne auf jeden Fall nicht schaden. Kennenlernen kann man die Unterleutchen aber auch schon mal ganz virtuell.

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