Aachen: „Unterleuten“ nach dem Roman von Juli Zeh im Theater Aachen

Aachen : „Unterleuten“ nach dem Roman von Juli Zeh im Theater Aachen

Der Siegeszug der virtuellen Welt ist sowieso nicht mehr aufzuhalten — warum also nicht ihr Potenzial auch dort nutzen, wo geradezu die letzte Fahne von Akteuren aus Fleisch und Blut hochgehalten wird? Das hat auch noch den Vorteil, ein neunjähriges Kind ohne Jugendschutzkollisionen spätabends auftreten zu lassen . . . Das Theater Aachen liefert jetzt eine video- und computerunterstützte Inszenierung der Bühnenversion von Juli Zehs Erfolgsroman „Unterleuten“.

Die Premiere am Samstagabend endete nach zweieinhalb Stunden, inklusive Pause, mit viel Applaus.

Was sonst „Rising Cities“ oder „Die Siedler“ sind, heißt hier „Traktoria nature“ und ist die Browserspiel-Version des dörflichen Strategie-, Liebes- und Konfliktlebens im brandenburgischen Kaff „Unterleuten“. Auf elf Milieu-Figuren haben Dramaturgin Inge Zeppenfeld und Regisseur Marcus Lobbes das Personal des Zeh’schen Romans zusammengekürzt. Eine davon ist der zugezogene Computerspiel-Entwickler Frederik Wachs (Hannes Schumacher), der das Konflikt-Wirrwarr dieser streitbaren Provinzgesellschaft aus DDR-geprägten Einheimischen und westlichen Zuzüglern in ein Strategiespiel umsetzt.

Dessen putzige Pixelfiguren und -szenen — real entworfen vom genialen Videokünstler Michael Deeg — werden immer wieder auf die weiße Fassade der dörflichen Behausung projiziert. Kommentiert von Frederik Wachs, der auf diese Weise die mitunter ziemlich verworrene Konfliktlage im Dorf ein wenig erklärt und auflöst.

Jeder der Protagonisten sieht die Welt aus seiner Sicht und Interessenlage, was zwangsläufig zu Kollisionen führt — zum Beispiel der verbiesterte Altkommunist Kron (Rainer Kause) ebenso wie der Großgrundbesitzer Gombrowski (Torsten Borm), mit dem er noch eine alte Rechnung aus DDR-Zeiten zu begleichen hat. Der fanatische Vogelschützer Fließ (Jonas Eckert) hat hier sein ideales Betätigungsfeld gefunden, während seine Frau Jule (Luana Bellinghausen) aus der verhassten Stadt aufs Land geflüchtet ist. Pferdenärrin Linda (Judith Florence Ehrhardt) sucht Auslauf für ihren Hengst. Die Aussicht auf Renditen aus einem Windpark beschleunigt noch einmal den Egoismus aller.

Erzählfaden wird aufrechterhalten

Monologisch offenbaren die Figuren ihren biografischen Hintergrund — eher selten spricht man miteinander oder schaut sich auch nur an. Eine Handlung fehlt gänzlich. Dafür gibt die Drehbühne dem Ganzen einen gewissen Schwung (Ausstattung Ann Heine), wobei die Motivation für die vielen Rotationen rätselhaft bleibt — die Bühne sieht hinten wie vorne fast gleich aus: weiße Fassade, allein Fenster und Türen sind ein wenig anders angeordnet. Dabei wird der Blick freigegeben auf das komplexe Innenleben, das nötig ist, um das immer wieder überraschende Auftreten der Personen in den verschiedenen Fenstern und Türen oben und unten zu ermöglichen: eine aufwendig gebaute Architektur aus Treppen und Stegen.

Bis zur Pause wird der Erzählfaden aufrechterhalten, mitunter witzig überspitzt mit satirischen Übertreibungen. Danach zerfließt der Zusammenhang, zumal die leise sprechenden Darsteller schwer zu verstehen sind. Wer schließlich warum das Kind entführt oder versteckt hat, das nur einen virtuellen Auftritt hat, warum es vor über 20 Jahren eine gewalttätige Auseinandersetzung im Wald gegeben hat, die jetzt mit Projektionen noch einmal auflebt, und warum sich Gombrowski umbringt, nur weil er ein bisschen übers Ohr gehauen wurde — all das weiß nur derjenige, der Juli Zehs Roman gelesen hat.

Gelegenheit zum kernigen Spiel haben lediglich Rainer Krause und Torsten Borm sowie Elke Borkenstein als schwäbische Geschäftsfrau. In weiteren Rollen Franziska Arndt, Marco Wohlwend, Philipp Manuel Rothkopf und Alexander Wanat.

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