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Aachen: Unter dem Zeltdach blühen Seelenlandschaften

Aachen : Unter dem Zeltdach blühen Seelenlandschaften

Es zischt und knistert im bläulichen Halbdunkel des großen runden Raumes.

Gespannt versammeln sich einige Techniker des Aachener Theaters mit Regisseur Ludger Engels und Bühnenbildner Volker Thiele um ein futuristisches Gebilde, das langsam und länglich in die Höhe wächst, durchsichtig, glänzend, magisch - ein Gebläse im Boden macht es möglich.

Engels steigt hinein, probiert eine Pose aus, dann der Alarm: „Es reißt, hier gibt es schon eine undichte Stelle”, warnt einer der umstehenden Männer. Aha, die Idee zur Inszenierung ist gut, aber über das Material muss man noch mal nachdenken...

Ausweichquartier

Theater im Zelt - eine für alle Aktiven spannende Situation mit erfreulichem Solidarisierungseffekt. „Es ist großartig, wie sie damit umgehen und was die Bühnentechniker und Handwerker in so kurzer Zeit gezaubert haben”, betont Thiele, der gleich drei Exil-Inszenierungen im Ausweichquartier auf dem Gelände des Aachener Reitturniers in der Soers als Bühnenbildner betreut, denn im „festen Haus” wird die Obermaschinerie saniert.

Den Saisonauftakt wird das Schauspiel „Anna Karenina” nach dem Roman von Leo Tolstoi am 23. September prägen. Danach wütet der eifersüchtige „Otello” in Giuseppe Verdis tragischer Oper (24. September). Am 29. September hält die „Rote Zora” aus Kurt Helds Familienstück Einzug in diese außergewöhnliche Spielstätte, wo normalerweise die Akrobaten daheim sind.

„Für uns ist das eine wunderbare Abwechslung”, schwärmt Ludger Engels, neuer Hausregisseur des Theaters. Der 42-jährige Duisburger, der in Berlin Musik, Germanistik sowie Dirigieren studierte, hat schon so manche Herausforderung angenommen. Zusätzlich zu Stationen in Frankfurt am Main, Wien, Braunschweig, Mainz, Luzern und Krefeld-Mönchengladbach entwicklelte er unter anderem die Kinderkonzertreihe „Unerhört” für die Niederrheinischen Sinfoniker und bespielte ein komplettes Straßenbahndepot.

Liebt er das künstlerische Abenteuer? „Ja! Theater ist doch immer Abenteuer, allein schon die Tatsache, so ein Haus zu übernehmen.” Sogar die Aachener Atmosphäre ist ihm schon vertraut. „Mit gefällt dieses europäische Flair durch die Nähe von Belgien und den Niederlanden, diese Mischung aus kosmopolitischer und bodenständiger Einstellung.” In diesem Sinne will er sein Publikum ein bisschen „kitzeln”, den Gedanken „Aachen/Europa” immer wieder einmal einstreuen.

Bei „Anna Karenina” sieht er im Zelt Chancen für Team und Zuschauer, die es im Großen Haus gar nicht geben kann. „Auf mehreren Teilen der Bühne läuft zum Teil parallel oder im raschen Wechsel die Handlung ab, bei der es ja in erster Linie um die verschiedenen Perspektiven im Blick auf die Liebe und auf gesellschaftlichen Normen geht.”

Gleichzeitig bietet ihm der weite Raum mit seiner blauen Höhe die Gelegenheit, die von Tolstoi so intensiv beschriebenen Stimmungen in diesem geschickt geknüpften Beziehungsnetz einzusetzen. Seelen- und Naturlandschaften will er mit Licht, Klängen und Geräuschen malen. „Ein Zelt hat eben doch besondere Poesie.”

Das weiß auch Gastbühnenbildner Volker Thiele, der noch vor „Anna Karenina” eine dreifache Lösung finden musste, denn für die drei Zelt-Inszenierungen gibt es nur eine einzige Grundbühne. Der 31-Jährige (geboren in Bonn, Studium in Wien, Start in Berlin) hat die Lösung für dieses Projekt im großen Rund (38 Meter Durchmesser) durch bewegliche Holzelemente gefunden, die je nach Bedarf einzelne Podeste oder eine geschlossene Fläche bilden. „Es ist nicht unproblematisch, wenn weder Schnürboden noch die übliche Maschinerie zur Verfügung stehen”, sagt er.

Die vier Pfeiler aus Aluminiumrohren, die über den Köpfen der Akteure ein großes Trägerviereck für die aufwändige Beleuchtungstechnik bieten, korrespondieren mit den weichen Formen des Zeltdaches. „Das Stück ,Anna Karenina ist ein großes Panorama der Gesellschaft, das allgemein gültige Fragen anspricht. Dafür schaffen wir einen klaren Rahmen.”

In Tag- und Nachtschichten ist der Aufbau dieser „lebendigen Versuchsanordnung”, wie es der Regisseur nennt, unter schwierigen Bedingungen erfolgt. Noch immer wird gehämmert und gelötet, sind die Sprechfunkgeräte im Dauereinsatz. „Ich habe das Gefühl, hier wurden besondere Kräfte freigesetzt”, so Thiele.

Doch ohne Text kein Stück: Ann-Marie Arioli, neue Chefdramaturgin des Theaters, hat in dreimonatiger Arbeit am russischen Klassiker für eine spielbare Stückfassung gesorgt. „Es ist die Sprache Tolstois”, versichert sie. „Was die Gestalten sprechen, das sagen sie auch im Roman.

Dabei ist uns immer wieder aufgefallen, wie präzise und schön diese Sprache ist. Selbst Füllworte haben ihre Bedeutung.” Das Theater ist eine „alte Liebe” der Dramaturgin aus Bern, die zunächst in der Schweiz und den USA Germanistik und etwas Volkswirtschaft studiert hat. Nach Erfahrungen im Journalismus und im Verlagsbereich kam ein Betriebspraktikum im Zürcher Theater Neumarkt.

„Danach gab es für mich nur noch dieses Metier”, sagt Ann-Marie Arioli, die im ungewohnten Saisonstart die Aufforderung zu verstärkter Kreativität sieht und sachlich ergänzt: „Standort und Verkehrsanbindung sind gut, die Zuschauer werden uns finden.”

Gegenwärtiges

Nah am Heute und dennoch der Zeit Tolstois im späten 19. Jahrhunderts verbunden wird die Ausstattung von Kostümbildnerin Gabriele Jaenecke sein. „Schlichte Gegenwartskleidung wird mit typischen Modezeichen der Zeit und der jeweiligen Rollen kombiniert”, verrät sie, die in Berlin lebt und in ihrer gesamten Arbeitszeit nur ein einziges Mal fest engagiert war: in Aachen unter Generalintendant Klaus Schultz (1984-1992). „Da werden viele Erinnerungen wach. Ich entdecke sogar noch Kostüme, die ich damals entworfen habe, im Fundus.”

Die zu Tolstois Zeit typische Modesilhouette des „Cul de Paris” („Pariser Hintern”, ein Gestell unter der Kleidung, das diese Körperpartie betont) ist eines jener Signale, die bei bestimmten Frauengestalten eingesetzt werden.

Staubige Arbeiten

Zu den Proben im Zelt gibt es allerdings nur Ersatzkleider, sonst wäre schon vor der Premiere alles unansehnlich - und das auch ohne kräftige Pferdehufe. Jetzt nach dem internationalen Reitturnier wird rund um die Haupttribüne, die zurzeit die Garderoben und Schminkräume beherbergt, bei Stadionarbeiten kräftig der Staub aufgewirbelt, während man im Zelt mit den vier rot bepinselten Spitzen auf weißem Dach liebt, lebt und leidet.