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Aachen/London: Unser Planet vom Weltall aus betrachtet: Peter Gabriels „Big Blue Ball”

Aachen/London : Unser Planet vom Weltall aus betrachtet: Peter Gabriels „Big Blue Ball”

Als Peter Gabriel Ende der achtziger Jahre seinen Studiokomplex „Real World” errichten ließ, schwebte der ihm für Künstler unterschiedlichster Couleur und Herkunft vor. Wenige Jahre später realisierte er seinen Wunsch in Form von so genannten „Produktivwochen”. Daraus resultierte das Album „Big Blue Ball”, dessen europäische Premiere jetzt, 15 Jahre später, in Aachen stattfindet.

„Across The Borders/Big Blue Ball oder ,think round´” heißt das Projekt, das Gabriel zusammen mit dem Kulturbetrieb der Stadt Aachen dafür initiiert hat und das der 58-Jährige am kommenden Mittwoch im Ludwig Forum präsentiert. Warum er sich dafür anderthalb Jahrzehnte Zeit ließ, erzählt Peter Gabriel im Interview mit unserem Mitarbeiter Michael Loesl.

Obwohl Sie nur in vier von elf Kompositionen des Albums „Big Blue Ball” als Sänger zu hören sind, wird allerorten vom neuen Peter-Gabriel-Album geredet. Eine Fehleinschätzung?

Gabriel: „Big Blue Ball” ist ausdrücklich nicht mein neues Album. Ich habe zusammen mit ein paar anderen Musikern die Zusammenkunft von Künstlern initiiert und mein Studio dafür zur Verfügung gestellt. Aber an der Entstehung der Songs des Albums waren mehrere Dutzend Künstler beteiligt. „Big Blue Ball” ist im wahrsten Sinne des Wortes ein grenzüberschreitendes Projekt geworden.

Wie sah die ursprüngliche Idee hinter „Big Blue Ball” aus?

Gabriel: Wir wollten Rockmusiker mit Instrumentalisten, Komponisten, Lyrikern, Poeten und visuellen Künstlern aus allen Teilen der Welt zusammenbringen und sehen, was daraus entsteht, wenn alle miteinander kreativ korrespondieren. Dazu richteten wir ein Café in meinem Studio ein, das wie eine Art 24-Stunden-Kreativkontaktbörse für jeweils eine Woche fungierte. Man verabredete sich dort und kreierte Musik in einem der Studioräume, in denen jeweils eine Aufnahmemaschine auf ihren Einsatz wartete.

Warum hat Ihr Team 15 Jahre gebraucht, um ein Album aus diesen Aufnahmen zu machen?

Gabriel: Die Bänder befanden sich in einer völlig chaotischen Anordnung. Ich bin ja nicht gerade als stringenter Arbeiter bekannt und hätte für das Realisieren des Albums vermutlich 15 weitere Jahre gebraucht. Stephen Hague, ein Produzent, mit dem ich in der Vergangenheit öfter gearbeitet hatte, brachte schließlich die Ordnung in das Chaos der Bänder.

Neben Ihnen hat Pop- Prominenz wie Tim Finn von Crow- ded House, Karl Wallinger von World Party und Sinead O´Connor an dem Album mitgearbeitet. Als Korrektiv zu den ebenfalls beteiligten Künstlern verschiedener ethnischer Prägungen?

Gabriel: Nein, überhaupt nicht. Karl Wallinger hatte zwar die Rolle eines kreativen Leiters inne, aber es ging bei den Aufnahmen eben gerade nicht darum, die Musiker aus Afrika, Asien, Europa und Amerika von unserer idealen Musikvorstellung zu überzeugen. Vielmehr haben wir ein Miteinander geschaffen, in dem keine Kultur die andere dominierte.

Erschreckt es Sie, dass man auf politischer Ebene diese Form des friedlichen, respektvollen Kulturaustauschs immer noch nicht realisiert hat?

Gabriel: „Big Blue Ball” ist kein Titel, den wir uns ausgedacht haben, sondern die Wahrnehmung der Erde durch Astronauten, die unseren Planeten vom Weltall aus betrachtet haben. Wenn man ihn aus dieser Perspektive sieht, führen die Einzelteile, also die Kontinente, zu einer Summe, die nur als Ganzes Sinn ergibt. Wir können und sollen uns nicht voreinander verschließen, sondern müssen dringender denn je lernen, voneinander zu profitieren. Nicht in erster Linie in wirtschaftlicher Hinsicht, sondern vor allem mit Hinblick auf kulturellen Austausch. Der führt zu Respekt voreinander. Wenn eine Supermacht ein kleines Land hingegen wegen eines Bodenschatzes wie beispielsweise Öl bombardiert, erwächst aus der Habgier Hass.

Was hat Sie dazu bewogen, die Europa-Premiere von „Big Blue Ball” in Aachen zu inszenieren?

Gabriel: Mir hat die Veranstaltung gefallen, die Rick Takvorian vor zwei Jahren im Ludwig Forum anlässlich der Preisverleihung der Peter und Irene Ludwig Stiftung für mich initiiert hatte. Seither bin ich im Kontakt geblieben mit ihm, und es hat Spaß gemacht, die Ausstellung, die sich am Gedanken hinter dem „Big Blue Ball”-Projekt orientiert, gemeinsam mit ihm zu planen. Außerdem gibt es in Europa kaum einen besseren Ort als Aachen, um die Ausstellung zu eröffnen. Die Stadt liegt schließlich im Herzen eines vielsprachigen Kontinents, dessen Grenzen nur geografischer statt gedanklicher Natur geworden sind.

Sie werden in zwei Jahren 60 Jahre alt, und Ihr letztes Album liegt sechs Jahre zurück. Wenn Sie diesen Turnus beibehalten, wird die Welt, mit etwas Glück, noch zwei Gabriel-Alben bekommen.

Gabriel: Ich habe vor Jahren Besserung gelobt. Aber ich habe mir mein Leben für mich so interessant gestaltet, dass Musik zwar ein wichtiger, aber nicht der einzig interessante Aspekt meines Lebens ist. Die Kooperation mit den bildenden Künstlern für das Projekt in Aachen stellt für einen visuell interessierten Künstler wie mich einen ebenso großen Reiz dar wie das Musikmachen. Aber keine Sorge, ich arbeite bereits an neuen Songs. Eine Prognose zur Veröffentlichung gebe ich trotzdem nicht ab. Vielleicht lasse ich vorher den Geist wieder aufleben, der die Aufnahmen zu „Big Blue Ball” angeregt hat. Jetzt, da die Platte fertig ist, gefällt sie mir nämlich ausgesprochen gut.