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Aachen: Ungewöhnliche Freundschaft: „Das Herz eines Boxers” im Das Da Theater

Aachen : Ungewöhnliche Freundschaft: „Das Herz eines Boxers” im Das Da Theater

Der alte Mann im Bademantel wird von einer Schwester ins Zimmer geschoben. Teilnahmslos der Blick, der Körper hängt hilflos im Rollstuhl. Die Pflegerin hält den Becher fest, aus dem er zu trinken versucht. Sie verabreicht ihm eine Tablette und geht.

Im nächsten Moment verändert sich die Körpersprache des Alten, blitzschnell holt er die Tablette aus seinem Mund und steckt sie in die Tasche. Der Mann scheint weit mehr zu verbergen als nur eine Pille.

Gleich zwei Stockwerke eines Pflegeheims mit Einheitsmöblierung hat der einfallsreiche Bühnenbildner Frank Rommerskirchen im Aachener Das Da Theater aufeinandergestapelt, so dass die ganze Tristesse, sogar mit einem siechen Bettlägerigen (Rommerskirchen selbst), fühlbar wird.

Doch die trübselige Umgebung verändert sich schlagartig, als der reichlich rotznäsige Jugendliche Jojo die Szene betritt. Er muss wegen eines Mofa-Diebstahls Sozialstunden im Heim ableisten, soll als „Knacki-Brigade” die Wände streichen und macht sich voller Frust über den einstigen Boxchampion als „senilen” Alten lustig.

Kraftvolles Stück

So beginnt Lutz Hübners kraftvolles Sozialstück „Das Herz eines Boxers”, das 1996 im Berliner Grips-Theater uraufgeführt wurde. 1998 wurde es mit dem Deutschen Jugendtheaterpreis ausgezeichnet, und auch 2007 wirkt es alles andere als veraltet.

Theaterchef Tom Hirtz gelingt es in seiner erfrischend unsentimentalen Inszenierung, die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft so lebendig zu gestalten, dass man am Ende (nach 75 Minuten) staunt, wie schnell die Zeit vergangen ist.

Nach „Nelly good bye” und „Ehrensache” ist „Das Herz eines Boxers” das dritte Hübner-Stück, das Hirtz auf die Das-Da-Bühne bringt. Die witzige Alltagssprache und die ungebrochene Aktualität nutzen die beiden Darsteller, um hier zur Höchstform aufzulaufen und sich buchstäblich durchzuboxen.

Jens Eisenbeiser verhilft nicht nur die gekonnte Maske zum überzeugenden Aussehen des alten Preisboxers Leo, er spielt auch berührend tragikomisch diesen rauen und doch sehr feinfühligen Mann, der vom greisen Kauz zum mutigen Abenteurer mutiert. Und der dem jugendlichen Loser (ausgezeichnet: Mike Kühne), der bisher „in den Seilen” hing, ein echter Freund wird.

Da Freundschaft keine Einbahnstraße ist, dürfen die Zuschauer mit viel Vergnügen erleben, wie der freche Jojo, der gar kein Straftäter ist, die Qualitäten des Boxers zu entdecken beginnt und auch einiges für den „Alten” zu riskieren bereit ist. Da darf ruhig etwas Sozialromantik mitschwingen, wenn die Annäherung zwischen den beiden so humorvoll und lebensnah mit köstlichen Dialogen vonstatten geht.

Lebenserfahrung und jugendlicher Schwung ergänzen sich, und so gibt es am Ende trotz trauriger Vorgeschichte für beide Aussicht auf vielerlei Möglichkeiten und Perspektiven. Doch die melancholischen Akkordeonklänge (HeJoe Schenkelberg) lassen auch an einen Traum denken, der sich nicht unbedingt erfüllen muss. Mitten im begeisterten Publikum: der bekannte Boxer Mario Guedes, der mit den beiden Schauspielern erfolgreich trainierte.