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Aachen: Und plötzlich hat Gina die Schnauze voll

Aachen : Und plötzlich hat Gina die Schnauze voll

Enfant terrible Claude-Oliver Rudolph geht am Stock. Dunkle Sonnenbrille, feines Jöppchen mit Leopardenmuster, Prellungen, Schwellungen, jede Menge Schürfwunden. Sein Pferd hat es im Vorbereitungstraining nicht gut mit ihm gemeint. Dabei wäre er so gerne mitgeritten.

„Schade, aber es geht nicht”, meint er ziemich kleinlaut. Fehlt bloß noch, dass dem Macho mit dem markanten Narbengesicht noch die Tränen kommen.

Wenn schon. Verkehrte Welt ist das Motto an diesem Abend beim „TV Total Championat” im Deutsche Bank-Dressurstadion in der Soers. 4000 sind live vor Ort dabei. Und zu Hause an den TV-Geräten zwischen 20.15 und 23.30 Uhr immerhin 2,87 Millionen. Davon können die weltbesten Dressurreiter, die sonst hier beim CHIO im Rechteck reiten, nur träumen.

Stefan Raab, Initiator des Spektakels, macht Träume wahr. „Ist toll, mal all die berühmten Leute aus dem Fernsehen zu sehen”, sagt Ordner Ekkehard Zimmermann, der am Eingang zur VIP-Tribüne Dienst schiebt.

Während er einen Schluck aus der Wasserflasche nimmt, lässt die Prominenz in seinem Rücken die Champagnergläser klingen. Das kennt man zwar auch vom CHIO, doch insgesamt gehts heute lockerer zu - weniger Sakko, dafür mehr Pullover. „Die Prominenten sind übrigens auch nur ganz normale Menschen”, erklärt Zimmermann. Er selbst komme ja aus Ostfriesland. Tut zwar nichts zur Sache, musste aber auch mal gesagt sein. TV Total. Total verrückt.

In den Sand gesetzt

„Das Glück dieser Erde liegt auf dem Rücken der Pferde”, meint Moderator Kai Pflaume. Demnach ist Joey, Teilnehmer mit der Startnummer 10 und einer aus der wilden irischen Sangeshorde der Kellys, an diesem Abend der unglücklichste Mensch der Welt. Mehrfach wirft Stute Gina den todesmutigen Joey in den Sand, gleich zweimal am Hindernis von Sponsor Germanwings. „Flüge für 19 Euro” lautet die Werbebotschaft. Joey Kelly fliegt umsonst. Im zweiten Umlauf hat Gina dann endgültig die Schnauze voll. Mit einem flotten, wenn auch völlig unerwarteten Hüpfer springt sie über die Bande und sucht panisch das Weite. Ob ihr Joey einen Kelly-Hit ins Ohr gesungen hat?

Draußen vor dem Stadion auf dem Warmreiteplatz endet der unplanmäßige Ausritt von Gina und Joey. Moderatorin Sonya Kraus ist zur Stelle und hält dem geschockten Reit-Amateur das Mikrofon unter die Nase. Solange die Kamera läuft, gibt sich die Kraus betont pferdescheu. Ist die Kamera aus, ist von der Angst plötzlich nichts mehr zu spüren. Schöne, falsche Fernsehwelt.

Immer wieder Elton

Elton. Und immer wieder Elton. An diesem Abend springt der Kerl endgültig aus dem Schatten seines Entdeckers Raab heraus. Mit bürgerlichem Namen heißt er Alexander Duszat. Doch zu der Rolle des trotteligen TV-Praktikanten, die Raab ihm auf den dicken Leib geschrieben hat, passte eben besser Elton. Im Dressurstadion wird er als neuer Held gefeiert, Ludger Beerbaum, der als Co-Moderator neben Pflaume einen sehr guten Eindruck hinterlässt, attestiert ihm einen ordentlichen Stil.

„Elton, Elton”, rufen die Zuschauer - auf Diva V schafft er es zwar nicht ins Finale, doch Förderer Raab hat mit 25 Fehlerpunkten sogar doppelt so viele wie der 23-Jährige. „Ein unvergesslicher Abend”, sagt Elton und schreibt hinter den Kulissen im Blitzlichtgewitter fleißig Autogramme. Sie lieben ihn. Gut möglich, dass dieser Elton derzeit wie kein anderer jenen Typus verkörpert, den nur das Fernsehen hervorbringt und von dem man sich ständig fragt, was ihn denn überhaupt auszeichnet.

„Gelungener Abend

„Ausgezeichnet, das war ein gelungener Abend”, meint Michael Mronz, Geschäftsführer der Aachener Reitturnier GmbH. Wiederholung nicht ausgeschlossen. Auch Springreiter Marcus Ehning ist angetan: „Ich hätte nie gedacht, dass die Promis so gut auf den Pferden unterwegs sein würden.” Wo sich Ehning wohl aufgehalten hat, als Joey Kelly durch den Parcours flog? Siegerin und Dressur-Ikone Isabell Werth fasst zusammen: „Die besten Leistungen haben die Pferde gezeigt.”

Immer noch in seinem Leoparden-Jöppchen steht Claude-Oliver Rudolph später bei der Party im Stall 6 an der Theke. Wahrscheinlich erzählt er den Damen von seinen Verletzungen. Und davon, wie gerne er doch mitgeritten wäre. Weichei!