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Aachen: Überzeugende Darsteller, eindimensionale Regie: „Kollision“ im Mörgens

Aachen : Überzeugende Darsteller, eindimensionale Regie: „Kollision“ im Mörgens

Nah dran, das sind die Zuschauer im Mörgens des Theaters Aachen, Experimentierfläche, Raum für Provokationen und Themen, die aus der Realität gespeist werden — oft schmerzlich aktuell. Eine Gratwanderung, die bei „Kollision — Chronik einer Eskalation”, dem Theaterprojekt von Stefan Herrmann, auch schon mal wackelig verläuft.

Herrmanns Team ist hervorragend. Da sind Karl Walter Sprungala und Katharina Waldau, erfahrene Schauspieler, als Eltern des jungen empfindsamen Felix, überzeugend verkörpert von Ramon Linde sowie sechs junge Geflüchtete im Alter zwischen 17 und 19 Jahren: der Palästinenser Youssef Abojobbah, die Syrer Abdullah Alhamad und Mohammed Baker, der Iraker Mustafa Alzuabidi, der Afghane Ahmad Gorbani sowie Zanyar Hannan, Kurde aus Syrien.

Der junge Deutsche Felix hat keine Übung darin, sich gegenüber aufgekratzten aggressiven Gleichaltrigen zu behaupten, bei denen das schräge und von irrwitzigen Erwartungen geprägte Bild vom Gastland, pubertäre Machtfantasien und ein heftiger Drang, in der Gruppe von Schicksalsgenossen Halt zu finden, zu einer gefährlichen und explosiven Grundmischung geführt hat.

Ausraster sind die Folge, Verachtung und Gewalt, die sie irgendwann auf schlimmen Fluchtwegen erfahren haben, werden eins zu eins weitergegeben — an den vermeintlich schwachen, wohl versorgten deutschen Jungen. Böse Spielchen, die Schuhe sind weg. Noch bösere Spielchen, die Hand ist verletzt. Und dann die „Kollision“.

Regisseur Herrmann sorgt für einen dynamischen Ablauf. Die sechs Darsteller haben eine Menge Text zu bewältigen, und sie spielen ihre Rollen so real, dass mancher im Publikum zurückzuckt. Eine beeindruckende Leistung. Allerdings bleibt die Handlungsführung der Regie über weite Strecken eindimensional. Es ist schon klar, Herrmann lässt sein Ensemble mit den Klischees spielen, mit den Ängsten einer zögerlichen Gesellschaft.

Aber dabei bedient er sämtliche Vorurteile, nach dem Prinzip: Ja, genau das tun die, in Gruppen andere fertigmachen, abziehen, bedrohen, körperliche Gewalt statt Bereitschaft zum Lernen, Springmesser statt Schulbücher, Verachtung statt gegenseitigem Verstehen.

Und die Deutschen? Hilflos. Die Polizei? Sprachlos und lächerlich. Gesprächsversuche? Aussichtslos. Irgendwann greift der bis aufs Blut gereizte und in die Enge getriebene Felix zum fremden Messer.

Verdienter Applaus für ein leistungsstarkes Ensemble, das sich sehen lassen kann. Und wer gut zugehört und zugesehen hat, steckt noch fest in der „Kollision“.