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Hamburg: Überragender Meister der Kamera: Henri Cartier-Bresson wird 95

Hamburg : Überragender Meister der Kamera: Henri Cartier-Bresson wird 95

Sehen, zielen, auslösen, verduften: Wenige Menschen haben den unscheinbaren Franzosen bemerkt, als er seine unauffällige Kamera auf sie richtete.

Mit unhörbarem Druck auf den Auslöser schuf Henri Cartier-Bresson viele der besten Reportagebilder, mit denen er sich dann wie ein Dieb davonschlich.

Seine Jahrzehnte umspannende Ausbeute hat ihm den Ruf eingetragen, zu den besten Fotografen der Welt zu gehören - vielleicht sogar der Beste von allen zu sein.

Am Freitag wird der zurückgezogen lebende und vielfach zum Über-Künstler hochstilisierte „HCB” 95 Jahre alt.

Vor 70 Jahren die Leica entdeckt

Die Kamera des 1908 in Chanteloup geborenen Sohn eines Textilfabrikanten bestand stets nur nur aus Stahl und Glas. Weder gab es um 1930 schnelle Motoren, Autofokus und Belichtungsautomatiken, noch brauchte Cartier-Bresson das alles.

Im Gegenteil: „Die Fotozelle ist überflüssig: Sie fördert die Faulheit des Auge; man muss den Wert erst selbst erraten und kann ihn später eventuell prüfen.”

Der Fotograf entdeckte vor mehr als 70 Jahren die deutsche Leica, deren Kleinbildformat es Fotografen erlaubt, die Kamera mit sich zu tragen, um sie im entscheidenden Moment parat zu haben. „HCB” nutzte diese Freiheit weidlich.

War zur Stelle, als Ghandi ermordet und eingeäschert wurde. Als die DDR die Berliner Mauer hochzog. War in Kashmir, in Shanghai, in Leningrad, in der Bretagne, in Mexiko, auf der ganzen Welt.

Dabei kam dem unscheinbaren Franzosen stets zugute, sich unauffällig bewegen und der Aufmerksamkeit damit weitgehend entziehen zu können.

Cartier-Bresson entdeckt seine Motive im Alltag, den er selbst in abgelegenen Regionen zu Fuß durchwandert.

Was „Der Unsichtbare” nach Hause trug, illustriert zahlreiche Bücher sowie ungezählte Geschichten in Zeitungen und Zeitschriften.

Die Bilder füllen große Ausstellungen und das Archiv der 1947 von Cartier-Bresson mitbegründeten Fotoagentur Magnum. Sie gilt längst als die beste und anspruchsvollste der Welt.

Obwohl er kein aktives Mitglied mehr ist, schätzt die Kooperative bei ihren Treffen seinen Rat. Obwohl er es nicht will, steht der Superstar auch dort im Mittelpunkt.

Über Bilder redet er kaum: „Über Fotografie gibt es nichts zu sagen, man muss hinsehen.” Seit Mitte der 70er Jahre fotografiert Cartier-Bresson nur noch sehr selten.

Er ist zur Malerei zurückgekehrt, die er von 1927 bis 1929 studierte, findet damit aber nie jene Beachtung wie mit seinem Blick durch den Sucher.