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Köln: Überfrachtet: Tschechows „Platonov” im Kölner Schauspielhaus

Köln : Überfrachtet: Tschechows „Platonov” im Kölner Schauspielhaus

„Platonov”, Anton P. Tschechows erstes, zwischen 1871 und 1881 entstandenes Theaterstück, blieb Fragment.

Als Fragment eines Fragments hat es jetzt der tschechische Regisseur Dusan David Parizek nach Tschechow, basierend auf einer Übersetzung von Ulrike Zemme, sehr drastisch für das Kölner Schauspielhaus inszeniert.

Der Vierakter wurde gehörig gekürzt, so gehörig, dass Premierenbesucher einen kompletten Abdruck der 105-Minuten-Fassung (ohne Pause) in ihren Programmheften vorfanden.

Parizek setzt mehr auf Typisierung als auf Charakterisierung, anders geht es in der Kürze auch nicht: Da agieren der Salonlöwe, das Mauerblümchen, der Verführer, die betrogene Ehefrau, der ewige Student. In welcher Beziehung die Sommergäste der Anna Petrowna Wojnizewa (Lilian Steffen) zueinander stehen, was sie sind, sein könnten oder waren, wird erst spät, wenn überhaupt klar.

Natürlich könnte man jetzt sagen, dass mit der Typisierung die immer noch gültige Aktualität des Stückes betont wird. Tatsächlich dreht sich bis heute alles um Liebe, Karriere und Geld, und eine Spaßgesellschaft, die aller Reize - Sex and Drugs and Rock n Roll - überdrüssig geworden ist, reagiert mit Langeweile, Zynismus und Lebensekel.

Die Dekadenz ist nicht totzukriegen, ja, aber man kann sie hoffnungslos mit Chiffren überfrachten, die - und das ist das Schlimmste - allesamt vorhersehbar sind. Kann es nicht einmal ohne nackte Haut, schrilles Gebrüll und Verwüstung der Bühne abgehen?

Zwischen Komatrinken, Koitus und Kindergeschrei wird die Parole „Alles geht unter” exzessiv ausgelebt. Eine Modell-Eisenbahn zuckelt todbringend über die Bühne, ein Teebeutel wird - sinnigerweise - aus einem Decolletée gezogen, und Anton Pawlowitsch (Markus Frank) blickt wie Gottvater von hoch oben auf das sündige Treiben seiner Figuren herab.

„Michael! Mischa! Wo bist du?”, ruft vor Beginn der Vorstellung eine Stimme aus dem Lautsprecher über die Gänge. Wer eineinviertel Stunde lang das selbstmitleidige Gejammer von Michael Platonov (Alexander Khuon) ertragen hat, dem ist das am Ende herzlich egal.

Die Leistung des sehr jungen Darstellers (Jahrgang 1979) erntet trotzdem viel Applaus, daneben gibt es einige Buh-Rufe.