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Aachen: Über Handarbeit und Fußstapfen: „Zack-zack“ und nicht „bamm-bamm“

Aachen : Über Handarbeit und Fußstapfen: „Zack-zack“ und nicht „bamm-bamm“

Es ist nur ein Augenblick, aber wahrscheinlich sagt er doch einiges über Elena Pierini und Justus Thorau: Vor dem Aachener Theater wirft die 43-jährige Italienerin dem Zeitungsfotografen ein „Mach mich schön!“ entgegen und schickt ein lautes „He, he, he!“ hinterher. Neben ihr geht der 28-jährige Deutsche Thorau zaghaft in die Knie, um auf dem Foto nicht zu groß zu erscheinen.

Vielleicht sind die beiden Kollegen also ziemlich unterschiedlich, aber sie haben ein gemeinsames Ziel: gute Musik zu machen. Mit ihrer ersten Produktion am Haus, der Oper „Der Freischütz“, wollen sie das beweisen. Vorher sprachen die Chordirektorin und der Erste Kapellmeister mit unserer Redakteurin Jenny Schmetz über...

Neu am Aachener Theater: Chorleiterin Elena Pierini und der Erste Kapellmeister Justus Thorau.
Neu am Aachener Theater: Chorleiterin Elena Pierini und der Erste Kapellmeister Justus Thorau. Foto: Andreas Herrmann

...ihre neue Heimat: Nach vier Jahren in Thüringen („nur Harz und Dialekt“) bezeichnet die Frau aus Florenz Aachen als „ein Erlebnis“: „Endlich wieder internationales Flair!“ — und doch genug Wald für einen Spaziergang mit ihrem Altdeutschen Hütehund. Auch ihr Kollege aus Berlin schätzt die Nähe zu Holland, zur Nordsee: Der ehemalige Stabhochspringer nennt Windsurfen als sein Hobby. Aber Theaterleute leben ja vor allem winddicht im Theater.

...ihre neue Wirkungsstätte: Das Theater Aachen schätzen beide als „traditionsreiches B-Haus“ mit „sehr gutem Ruf“. Schon vom ehemaligen Generalmusikdirektor Marcus Bosch hatte Justus Thorau auch aus der Ferne einiges mitbekommen. So hat er sich beworben — und gegen rund 100 Konkurrenten durchgesetzt. Bei Elena Pierini waren es mehr als 50. Sie meint angesichts der vielen Chöre in Aachen und Umgebung: „Die Bürger leben hier die Musik!“

„Was machst Du? Du bist Dirigent?“, wird Thorau schon mal von Menschen gefragt, denen klassische Musik fremd ist. „So wie der Karajan?“, höre er dann öfter. Jetzt kann er noch hinzufügen, dass der ja auch mal in Aachen engagiert war. Dass allerdings über einem Interview Thoraus mit dem Pressesprecher seiner Weimarer Hochschule schon die vollmundige Überschrift „In den Fußstapfen Karajans“ prangt, entlockt ihm nur ein Kopfschütteln. „Ich messe mich ungern mit Karajan — das darf und kann ich auch nicht“, sagt er. Aber wo die Büste des Maestros im Theater-Foyer hängt, das weiß er schon: „Unten rechts!“

...ihre musikalischen Anfänge: Mit fünf Jahren hat Elena Pierini alte Musik von Palestrina oder Monteverdi a cappella gesungen, schon mit drei Jahren Klavier gespielt. Zu Hause saß ja auch eine Chordirektorin, Pianistin, Pädagogin und Komponistin — ihre Mutter. „Zwei Pianistinnen im Haus? Besser nicht!“, habe sie ihrer Tochter schon früh klar gemacht. Für das Geigespielen sei ihr kleiner Finger aber viel zu kurz, sagt Pierini und legt ihre Hand an die deutlich längere von Thorau. „Außerdem habe ich keine Geduld!“ Dann eben etwas, „was viel Spaß macht: Schlagzeug!“ Schon mit 15 sei sie im Teatro Comunale von Florenz eingesprungen. „Schrecklich früh“ hat auch Thorau begonnen: mit drei oder vier Geige, danach Klavier — und dann hat er in diversen Jugendorchestern Berlins mitgespielt.

...das Dirigieren: Beide sind Chefs großer Kollektive — und sehen das angeblich gelassen. Mit 28 ist Thorau recht jung. Aber: „Über das Alter mache ich mir mittlerweile keine Gedanken mehr“, sagt er. Schon vor zehn Jahren habe er zum ersten Mal am Pult eines Profi-Orchesters gestanden.

Als erste Frau auf dem Chordirektor-Posten hat Pierini keine blöden Bemerkungen gehört, sagt sie. In der musikalischen Abteilung arbeiten zwar ausschließlich Männer — „aber die sind alle nett!“, meint Pierini, die in Aachen auch als Kapellmeisterin in Aktion tritt.

Sind Dirigenten diejenigen, die schon als Kind immer sagen wollten, wo es langgeht? Er sei „eher zurückhaltend“, bemerkt Thorau, „eher froh, nicht im Mittelpunkt zu stehen“. Sie sei „immer so ein bisschen Chef gewesen“, sagt Pierini. „Aber demokratisch!“ Ihren Stil beschreibt sie als „schnell, präzise, zack-zack“ („Wenn ich vier Hände hätte, wäre das noch besser!“).

Und den ihres Kollegen als „sehr sensibel“, „nicht aggressiv“, also „nicht bamm-bamm“, dabei hackt sie roboterartig Luft in Stücke, sondern „locker“: „Das sieht auch schön aus!“ Stimmt, bei der Proben-Stippvisite hat Thorau die Ärmel seines grauen Hemdes hochgekrempelt, wippt geschmeidig in den Knien und fällt nicht als Lautsprecher auf.

Hat der gute alte Pultdespot etwa ausgedient? Heute so ausflippen wie früher Toscanini? „Diese Zeiten sind vorbei“, meinen Pierini und Thorau unisono. „Autorität durch Überzeugung“, „gemeinsam musizieren“, „Musik vermitteln“ — diese Schlagworte hört man von ihnen. Aber natürlich könne in Orchester und Chor nicht immer Demokratie herrschen.

...den „Freischütz“: Für beide ist es das erste Mal, dass sie Webers Werk komplett einstudieren. 2003 wurde „Der Freischütz“ zuletzt am Aachener Theater gezeigt — das wissen sie. Pierini gibt zu, dass es nicht ihr Lieblingsstück ist. Für Thorau dagegen: „eine der Opern, die ich unbedingt machen muss“. Er hört die romantische Oper von der Klassik her, eher im Stile von Mozart und Beethoven. Wie klang das vielleicht damals? Der Dirigent lässt mit Naturtrompeten und -posaunen, die Streicher mit wenig Vibrato, wenig Gewicht auf dem Bogen spielen. Und was können die beiden Musiker mit dem fast 200 Jahre alten Stück, mit Zauberspuk und Teufelspakt, Jägervergnügen und Gottesfurcht heute anfangen? Fragen von Liebe, Leistungsdruck oder Außenseitertum sind für sie noch aktuell, die Aachener Inszenierung im Spiegel-Raum soll Bilder im Kopf erzeugen. Und zum „Mythischen, Unerklärlichen“ sagt Thorau: „Die ganzen Science-Fiction- und Fantasy-Serien sind heute doch auch unglaublich erfolgreich!“ Die TV-Serie „Game of Thrones“ zum Beispiel guckt er gerne, genau wie seine Kollegin.

...weitere Pläne: Beide haben einen Zweijahres-Vertrag, ihr nächstes gemeinsames Projekt ist die konzertante „Norma“ (Premiere: 22. Mai). Für Pierini ist Bellini, auch Donizetti, Puccini oder Verdi „so wie Pfeifen auf der Straße“, die italienische Musik habe sie in ihrer DNA. Aber sie schwärmt von Mendelssohn Bartholdys „Elias“, im Dom ist das Oratorium am 17. April zu hören. Thorau betätigt sich nebenher noch als Bandleader — bei der „West Side Story“. Und sieht sich im Finale des Deutschen Dirigentenpreises im April „nicht chancenlos“. Neben vielen Kontakten winken da insgesamt 35 000 Euro Preisgeld. „Schön!“, schnurrt Pierini. Thorau lacht: „Dann machen wir ne Party, ne?!“

Und das sagen andere über sie: Als „starke Persönlichkeit, die weiß, was sie will“, beschreibt Altistin Anne Lafeber aus dem Vorstand des Opernchors ihre neue Chefin. Sie arbeite „sehr präzise, temperamentvoll, aufmerksam“ — und man dürfe sich bei ihr wohlfühlen. Einige Herren stimmen ein: „dynamisch-italienisch“, „mit viel Humor“. Und dass sie eine Frau ist? Für die Arbeit sei das unerheblich. „Aber grundsätzlich reizvoll.“

Justus Thorau sei eine „ganz tolle Wahl“, meint Oboist Arnd Sartor, Vorsitzender des Orchestervorstands. Er arbeite „ganz besonnen und ruhig“. Sein „Freischütz“ habe eine „Grundleichtigkeit“: „nicht zu schwülstig, nicht zu dick aufgetragen“. Hören wir mal!