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Berlin: TV-Hochzeit in letzter Minute geplatzt

Berlin : TV-Hochzeit in letzter Minute geplatzt

Es hätte so schön werden können, die Hochzeitsglocken waren schon kurz davor zu bimmeln: Die alte Tante ARD schnappt sich beim Run auf Quoten den begehrtesten TV-Strahlemann der Nation - nach Blondschopf Thomas Gottschalk vielleicht - und lässt die private Konkurrenz so alt aussehen wie lange nicht mehr.

Doch Deutschlands Lieblingsmoderator Günther Jauch gibt der öffentlich-rechtlichen Braut in letzter Minute einen Korb. Wie peinlich - dabei lag der Ehevertrag bereits fast unterschriftsreif auf dem Tisch.

Mit Jauch wäre ab September neuer Schwung in eine Sendereihe gekommen, die eigentlich unter dem Namen „Talkshow” rangiert, aber seit langem dabei ist, an ihrer eigenen Seriosität zu ersticken: „Sabine Christiansen”. Jauch hätte die gleichnamige schmallippige Nachrichtendame beerbt und das trockengelaufene Polit-Flaggschiff der ARD mit Sicherheit in bewegtere Gewässer geführt. Schließlich hat er das Vermögen, Zuschauer an den Bildschirm zu fesseln, schon x-mal bewiesen.

Dazu muss man beileibe nicht erst an den legendären 1. April 1998 erinnern, als das Champions-League-Spiel Real Madrid gegen Borussia Dortmund wegen eines umgefallenen Tors 76 Minuten später begann und Kommentator Günther Jauch im Verein mit Marcel Reif beim Überbrücken der Zeit mehr Zuschauer bannte als später das eigentliche Spiel.

Gut geplant also der Schachzug der ARD-Oberen, vom Phänomen Jauch mit seiner journalistisch soliden Ausbildung zu profitieren, zumal 2005 das Meinungsforschungsinstitut Ipsos herausfand, dass er unter 2100 prominenten Persönlichkeiten auch noch der beliebteste Deutsche ist.

Doch die ARD wäre nicht die ARD, wenn die Heirat tatsächlich zustande gekommen wäre. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen mit seiner bürokratischen Struktur und den Rundfunkräten erwies sich einmal mehr päpstlicher als der Papst und verlangte „Nachbesserungen” im Ehevertrag, die dem Bräutigam nach eigenem Eingeständnis zuletzt einfach zu weit gingen.

Da wären zunächst einmal Jauchs Werbeverträge, die der Sendergemeinschaft ein Dorn im Auge sein müssen, die Nachrichtenmoderatorinnen wie Susan Stahnke rausschmeißt, nur weil sie sich einmal in Strapsen gezeigt hat. Seriosität ist eben alles bei der ARD - zusammen mit seriösen Politikern beieinander sitzen, die stets die Wahrheit sagen, und gleichzeitig für Bier werben?

„Igitt”, sagte sich offenbar so mancher Intendant gegenüber einem solchen Moderatoren-Aspiranten. Dass dieser Punkt hinter den Kulissen tatsächlich zur Verhandlungsmasse gehörte, offenbarte Jauch indirekt: Er habe seine Werbeverträge gekündigt oder auslaufen lassen, sagte er gestern. „Diese Zugeständnisse zeigen, wie sehr ich an dem Format am Sonntagabend interessiert war.”

Und Eifersucht spielte eine solch knochenharte Rolle, dass Jauch der Partnerin den Laufpass gab. „Exklusiv” sollte er der ARD in journalistischer Hinsicht zur Verfügung stehen, und das auch noch in einer zweiten Sendung. „Fremdgehen” bei den Privaten? Verboten! Das unterscheidet Jauch von Gottschalk - dem Lockenkopf reichen die Gummibärchen und der Sender, mit dem man besser sieht. Jauch fehlt aber eben eine gewisse emotionale Affinität zum öffentlich-rechtlichen Senderwesen - warum auch? So attraktiv ist das „Tagesthemen”- und „Tatort”-Fernsehen nicht.

Vor den Kopf gestoßen ist der 50-jährige Münsteraner, der vor der Kamera das verbindliche „Menscheln” beherrscht wie kein zweiter, vor allem auch durch gehässige Indiskretionen. Seine Absage mutet deshalb wie eine Strafe an. Ob WDR-Intendantin Monika Piel oder der ARD-Vorsitzende Fritz Raff vom Saarländischen Rundfunk - es mehrten sich öffentlich die Stimmen, die unumwunden die eigentliche Sicht der Dinge zugaben: „Ohne Jauch geht es auch”, hieß es nicht erst gestern zum Beispiel von SWR-Chef Peter Voß. Nun haben sie den Salat. Wenigstens NDR-Intendant Jobst Plog war gestern sauer...

Im übrigen wollte sich das alte Schlachtschiff ARD offenbar die politische Richtung nicht vorwegnehmen lassen und die Chefredaktion als Ober-Aufpasser Jauch vor die Nase setzen. Das aber wollte der erklärtermaßen nicht.

Da fallen einem doch die unter bislang ungeklärten Umständen zustande gekommenen kurzfristigen Ausladungen des ehemaligen Schach-Weltmeisters und Kreml-Kritikers Garri Kasparow und des Ex-ARD-Moskau-Korrespondenten Klaus Bednarz bei „Sabine Christiansen” ein, als es um den Mord am russischen Ex-Agenten Litvinenko und die Rolle der russischen Regierung und Geheimdienste ging. Der russische Botschafter soll das verlangt haben. Mit Jauch wäre so etwas offensichtlich nicht machbar ge-wesen...

Bleibt die Frage: Wer folgt nun auf Sabine Christiansen? SWR-Intendant Peter Voß hat einen Hut namentlich in den Ring geworfen, der eigentlich nahe liegt: Frank Plasberg, Mister „Hart aber fair”. Er passe bestens zwischen den „Tatort” und „Tagesthemen”. Da hat Voß recht - der Mann hat Format! WDR-Moderator Plasberg steht „prinzipiell bereit”, hat er gestern erklärt. Nun wartet er auf ein konkretes Angebot.