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Aachen: Traumhafte Gefühlsbäder

Aachen : Traumhafte Gefühlsbäder

Was haben Bert Brecht, Dido und Arielle gemeinsam? Mehr als man denkt!

Sogar erstaunlich viel, spürt man einem tragenden poetischen Motiv assoziativ in ihren Liedern nach: Wasser in seinen unterschiedlichsten (Rand-)Erscheinungen und Bedeutungszusammenhängen - Meer und Wind, Mondschein über dem Fluss, Gefahr, Liebe, Abschied am Kai...

Das Aachener Das Da Theater ist auf die geniale Idee verfallen, unter dem Motto „Wasser. Blau.” eine musikalisch-tänzerische Show auf die Beine zu stellen, die mit knapp zwei Dutzend Songs die ganze mögliche Gefühlswelt rund um das nasse Element eindrucksvoll einfängt.

Die Premiere am Donnerstagabend endete zu Recht mit donnerndem Applaus und Standing Ovations für eine Vielzahl von Beteiligten vor und hinter den Kulissen.

Drei Sängerinnen, vier Tänzerinnen, ein Kind und ein Pianist - das sind die Protagonisten eines rundum liebevoll und aufwendig ausgestatteten Bühnenzaubers. Schauplatz all der Träume und Sehnsüchte ist das Schwimmbad mit gekacheltem Becken, Sprungturm, Umkleidekabinen und allem, was dazugehört.

Hinter Bullaugen tummeln sich Goldfische und beäugen, wie rasant und in welch unglaublicher Vielfalt Sängerinnen wie Tänzerinnen die farblich-stofflich sorgfältig zum jeweiligen Wasser-Blau-Thema abgestimmte Garderobe wechseln (Bühnenbild und Kostüme: Frank Rommerskirchen).

Videos eingespielt

Erstaunlich perfekt eingespielte Videoaufnahmen von umstürmten Über- und fischreichen Unterwasserwelten auf den Kachelwänden (Videotechnik: Wilfried Schumacher) umrahmen optisch wirkungsvoll die wechselnden Motive der Lieder. Deren Abfolge gestaltet sich nun keineswegs als bloßer Abriss einzelner Nummern wie bei der Schlagerparade, sondern als einfühlsam und ideenreich inszenierte Reihe von Stimmungsbildern (Regie: Tom Hirtz).

Auf dem Sprungturm werden die Segel gehisst, wenn Brecht/Weills „Seeräuberjenny” (glänzend visionär: Daniela Gölden) versteckt triumphierend die Landung der Piraten verkündet. Bei „Im singing in the rain” - auch das ein nicht zu vernachlässigender „wässriger” Aspekt des Themas - tanzt das ganze Ensemble blau beschirmt und schwungvoll zur unverwüstlichen Melodie (Choreographie: Marga Render).

Das verbindende Element all dessen bilden assoziierte Wortketten eines Kindes (süß: Theresa Hirtz), die irgendwo einhalten und etwa bei „Traumschiff” das Thema der nächsten Liederfolge freigeben. So träumt Disneys Arielle (schön gesungen: Vera Kerkhoffs) davon, Mensch zu sein, und mit Didos „White Flag” (originalgetreu: Daniela Gölden) reicht das musikalische Spektrum bis an die Hits unserer Tage heran.

Melancholie wechselt mit Trauer, wenn Brechts schiffsreisende Dirne Evelyn Roe das armselige Schicksal ereilt. Aber auch der Witz kommt nicht zu kurz bei der im Duett gestellten Frage, „ob sich Fische küssen”.

Einen parodistischen Höhepunkt erreicht der Abend, wenn Anja Mathar in der plötzlich herbeigezauberten Bar Henry Mancinis unsterblichen Song „Moon River” aus „Frühstück bei Tiffanys” anstimmt und den musikalischen Schmalz mit ihren Gesten auf die Spitze treibt. Da bleibt kein Auge trocken.

Beachtlich die gesangliche Leistung der drei Schauspielerinnen, die dem Ganzen viel Pep verleihen (Gesang-Einstudierung: Claudia Lawong und Mirka Mörl). Geschmeidig-biegsam und perfekt aufeinander abgestimmt legen die vier Tänzerinnen im Trockenen ein Unterwasserballett hin: Ola Aleksandra Czaplejewicz, Alexandra Pudlik, Judith Rehaag, Olga Serova.

Am Piano, immer den Überblick behaltend: Christoph Eisenburger, der auch die musikalische Leitung und zusammen mit dem Ensemble eine sehens- und hörenswerte Produktion geliefert hat, die mit 95 Minuten auch zeitlich bestens bemessen ist.