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Aachen/Moskau: Tödlicher Verfolgung knapp entronnen

Aachen/Moskau : Tödlicher Verfolgung knapp entronnen

Einen weltberühmten Gast kann das Publikum beim 2. Sinfoniekonzert am Mittwoch, 16., und Donnerstag, 17. November, 20 Uhr, im Aachener Eurogress begrüßen: den russischen Pianisten Andrei Gavrilov.

Er spielte auf allen führenden Konzertpodien rund um den Globus. Zugleich gehört er zu jenen bewundernswerten kompromisslosen Künstlern, die als Dissidenten in der ehemaligen Sowjetunion lieber die schwersten Repressalien ertrugen, als gegen die eigene Überzeugung Zugeständnisse zu machen. Wir erreichten den 50-jährigen Virtuosen, der bestens Deutsch spricht, am Donnerstag telefonisch in Moskau, wo er gerade Station auf einer Russlandtournee macht.

Seine Karriere beginnt 1974 mit jenem Traum eines jeglichen Nachwuchsmusikers, von dem man glaubt, dass er allenfalls als Legende existieren könne: Als 18-Jähriger darf er bei den Salzburger Festspielen unverhofft für den großen Svjatoslav Richter einspringen - der Auftritt endet als Sensation.

Die Kritik ergeht sich in Superlativen und schreibt von einem „gut trainierten, jungen Supervirtuosen”. Gavrilov lacht und erinnert sich gern daran: „Es hieß, die Welt habe einen neuen Musiker entdeckt. Es war wie ein Märchen.”

Zweiter Horowitz

Kurz zuvor hat er den berühmten Tschaikowsky-Wettbewerb in Moskau gewonnen, von dessen Strapazen er sich eigentlich am Schwarzen Meer erholen will, doch bereits am zweiten Tag meldet sich die russische Kulturministerin bei Gavrilov. (Bereits als Sechsjähriger war er in die Zentrale Moskauer Musikschule eingetreten, die musikalische Kaderschmiede der Sowjetunion.)

„Du musst nach Salzburg”, befiehlt sie mehr, als sie ihn bittet. Gavrilov: „Ich flog nach Moskau zurück und musste mir bei Freunden erst einmal Schuhe, Hose und Jacke ausleihen.” Nach dem grandiosen Erfolg in Salzburg stehen dem jungen Mann alle westlichen Konzertsäle offen. 1976 gilt er in München als ein zweiter Horowitz.

In ganz Europa gibt Gavrilov gefeierte Konzerte - und hält bei Pressekonferenzen und Interviews mit seiner kritischen Meinung gegenüber dem Sowjetregime nicht hinterm Berg. Gavrilov: „Ich empfand einen tiefen Hass gegenüber den kommunistischen Zielen.” Konsequenz: KGB-Chef Andropow und Partei-Chef Breschnew verordnen ihm Hausarrest und lassen damit unter anderem 1979 ein gemeinsames Konzert mit Herbert von Karajan platzen.

Abgeschnitten von Freunden und der Familie, wird er wiederholt in psychiatrische Kliniken zwangseingeliefert. „Zwei Mal bin ich nur knapp einem Mord entgangen”, erzählt er uns. 1982 überlebt er einen Anschlag nur deshalb, weil es ihm gelingt, dem russischen Agenten in letzter Sekunde die Pistole zu entreißen. Erst mit Gorbatschow ändert sich seine Situation entscheidend. 1984 darf er wieder in den Westen ausreisen.

„Ein Künstler muss ein kompromissloser Idealist sein”, sagt er in Erinnerung an jene schwere Zeit. „Ich würde heute genau so handeln. Die Klarheit unserer Seele und unseres Geistes erlaubt es uns nicht, Kompromisse zu machen. Nur so ist man frei.”

Bis 1985 muss er erst einmal seine angegriffene Gesundheit wieder erlangen, ehe er in die USA aufbricht und in New York ein umjubeltes Debüt in der Carnegie-Hall gibt. 1989 lässt er sich zunächst in der Nähe von Wiesbaden nieder, heute lebt er mit seiner japanischen Frau und dem kleinen Sohn Arseni in Luzern.

Als „Abweichler” - so lautet das Motto des 2. Sinfoniekonzerts - mag sich Gavrilov trotz allem nicht verstehen, mit dem Begriff kann er nichts anfangen, wie er bekennt. Als überzeugter Idealist fühlt er sich besonders Johann Sebastian Bach und Frierich Chopin geistesverwandt, antwortet er auf die Frage nach seinen Lieblingkomponisten. „In Bach finde ich das Fundament unserer Zivilisation, in Chopin die radikale Intimität mit der Metaphysik unserer Seele.”

Übt er nach über 30-jähriger Karriere eigentlich immer noch acht Stunden täglich?, fragen wir ihn. - „Acht? Achtzehn!”, lacht er hell auf. Künstlerisch gibt es für ihn immer noch jede Menge Ziele.

Auf dem Programm des Aachener Konzerts stehen Rachmaninows Klavierkonzert Nr. 3 d-Moll op. 30 und Schostakowitschs Sinfonie Nr. 6 h-Moll op. 54. „Das sind russische Meisterwerke von zwei sehr volksverbundenen Komponisten”, findet Gavrilov. „Zwei große Herzen Russlands.”

Bei Rachmaninow „spürt man Nostalgie und die Angst vor dem Kommenden”, vor der russischen Revolution. „Man kann das alles fühlen...” Die Freundschaft mit GMD Marcus R. Bosch führt im Übrigen den berühmten Gast nach Aachen.

Karten fürs Sinfoniekonzert: http://tickets.zeitungsverlag-aachen.de

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