„Honig im Kopf“: Til Schweigers Kinoerfolg im Das Da Theater

„Honig im Kopf“ : Til Schweigers Kinoerfolg im Das Da Theater

Der alte Mann steht weinend in der Küche, gerade hat er die Schuhe seiner Schwiegertochter in die Mikrowelle gesteckt. Eigentlich wollte er Kuchen backen — er kennt sich nicht mehr aus in dieser Welt.

„Honig im Kopf“, das von René Heinersdorff nach der Bühnenfassung von Florian Battermann bearbeitete Stück, basierend auf dem Film von Til Schweiger, hat Theaterleiter Tom Hirtz für die Bühne des Das Da Theaters inszeniert.

Ein mutiges Unternehmen, zumal die Kinovorlage als erfolgreichster deutscher Film 2014 das Prädikat „Wertvoll“ der Deutschen Film- und Medienverwertung erhielt und noch in vielen Köpfen herumspukt.

Bei der Premiere in Aachen wird schnell klar, dass es zwar auch im Stück um Demenz geht, Tom Hirtz und sein Ensemble aber einen sehr klaren und durchdachten Weg gewählt haben, um sich dem zugrunde liegenden Thema theatertauglich und gut informiert zu nähern. Wobei der erste Teil des Abends mit Sicherheit der stärkste ist — gegen Ende löst sich alles so ein bisschen flott in Wohlgefallen auf.

Im verblüffend wandelbaren Bühnenbild von Frank Rommerskirchen mit weißen Elementen auf Rollen spielt sich eine Geschichte ab, die viele Familien durchleben müssen. Kleine Vergesslichkeiten und Verhaltensveränderungen eines Vaters oder einer Mutter manifestieren sich zum Krankheitsbild einer demenziellen Erkrankung. Das Bühnendach bilden 70 Glühbirnen, die an langen Kabeln herabhängen. Mehr und mehr verdunkelt sich der Sternenhimmel, Lichter verlöschen, Gehirnzellen verlöschen. Das unaufhaltsame Fortschreiten der Krankheit ist nicht mehr zu leugnen.

Wolfgang Rommerskirchen ist „Amandus Rosenbach“, der Großvater, der langsam sein Gedächtnis und damit sein Leben verliert. Angela Ahlheim spielt die Enkelin Tilda. Sie ist die rückblickende Erzählerin der Geschichte, die durchaus nicht immer nur traurig ist dank einer herzlichen und temperamentvollen Darstellerin — kindlich, vorurteilsfrei und einfühlsam, wie nur Kinder sind. Die magische Verbindung Großvater-Enkelin wirkt lange. Angela Ahlheim vermittelt das.

Wie die Demenz eines Familienangehörigen alle an ihre nervlichen Grenzen bringt, alte Konflikte neu entfacht und schlicht Verzweiflung auslöst, zeigen Tobias Steffen und Franka Engelhard als Niko und Sarah Rosenbach, Tildas Eltern. Hilflosigkeit, Angst um das eigene bisher relativ unbelastete Leben, aber auch Unerfahrenheit lassen sie verzweifeln. Was tun mit diesem Vater? Rommerskirchen verkörpert in seinem Spiel die schmerzliche Gratwanderung, die ein Demenzkranker durchmacht. Ringen um Worte, Träume, Erinnerungen, Wahnvorstellungen, Erschöpfung — wenn dieser Großvater vor sich hinstarrt, kann man nur ahnen, was in ihm vorgeht. Dazu ein hilfloses Umfeld und ein ignoranter Arzt (sehr typisch: Mehdi Salim als Neurologe). Die Probleme nehmen zu, es gibt feine kleine Facetten, wie etwa Erinnerungen Nikos ans Zelten mit Papa, Dramatik und die ein wenig utopische Geschichte von der Erinnerungsreise des alten Herrn mit dem Kind nach Venedig sorgen für Action und weitere durchaus witzige Wirrnisse.

Tom Hirtz bündelt das alles sehr geschickt. Er lässt zu, dass sich seine Bühnenfiguren ausleben, ohne den Mittelpunkt des menschlichen Dramas zu verlieren. Denn das Vergessen ist kein Spaß, Hilflosigkeit führt zu Aggressionen. Und der Gedanke, ob auch Einsamkeit, der Verlust eines geliebten Menschen und das Gefühl, in dieser Gesellschaft überflüssig zu sein, die Erkrankung fördern, bleibt nicht unausgesprochen. Wer denkt da noch an den Film, wenn er im Theater sitzt?