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Mönchengladbach: Theatral ist da wenig: Kleists „zerbrochener Krug” in Mönchengladbach

Mönchengladbach : Theatral ist da wenig: Kleists „zerbrochener Krug” in Mönchengladbach

Wenn Jens Pesel, Intendant des Gemeinschaftstheaters Krefeld/Mönchengladbach, in seiner jetzt zwölf Jahre währenden Amtszeit inszenierte, waren oft diejenigen von seinen Arbeiten fasziniert, die es schätzen, wenn eine Geschichte unmissverständlich über die Rampe kommt.

Was von den einen als didaktisch unterfüttertes moralisches Theater und als übergriffig empfunden wurde, schätzten andere als klare Äußerung zu drängenden Fragen der Zeit. Brechts „Galilei”, Kipphardts „Bruder Eichmann”, zuletzt Heuckes „Das Frauenorchester von Auschwitz” erwiesen sämtlich bedeutenden Stoffen Reverenz. Nun also Kleists „Der zerbrochene Krug”, wieder in der Ausstattung von Friederike Singer.

Vielleicht ist das Chaos der Requisiten, die unter Dorfrichter Adams Schlaf- und Richtstatt im Lauf des Abends hervorgekramt wird, ein treffendes Äquivalent für die Fülle der dramaturgischen Ideen, die Pesels Hinterkopf beschwerten, als er sich dem Klassiker näherte.

Wie sich da pralle Würste, Akten und Playboy-Hefte, ein Kruzifix, Schnapsflaschen, Nähgarn, Perückenkoffer etc. zu einem unter den Teppich gekehrten Durcheinander häufen, so blitzt auch in der Regie ein ganzes Kaleidoskop an Ideen, ironischen Verweisen und Abstrusitäten durch, deren Zusammenhang alles andere als fasslich ist, deren Details allenfalls Stoff für oberstuflichen Deutschunterricht bieten.

Theatral ist da wenig - außer der Story vom Richter, der selbst der Schuldige ist. Die allerdings ächzt schwer unter dem um sie herum veranstalteten Klamauk.

Man mag ja noch den eingegipsten, weil verstauchten erhobenen moralischen Zeigefinger des Revisors Gerichtsrat Walter für eine Idee halten, die sich mit den vielen ironischen Verweisen verträgt, in die Pesel sein Personal führt. Wir sehen einmal den Richter selbst in einer Art Bettlaken-Toga den Bogen schlagen zum antiken Ödipus-Drama, am Ende ihn selbst aus dem Orkus als der Leibhaftige heraufsteigen.

Aber schon die drastischen Wundmale, mit denen des Dorfrichters Kopf zur Schlachtplatte verunziert ist, diese albernen Massen-Raufereien, ein überdimensionierter Klumpfuß, junge Menschen in Turnschuhen oder mit pinken Haarklämmerchen sind dann schon gar nicht mehr besonders lustig. Und das alles auf einer Bühne, die unübersehbar hintergründig ein Bandmaß auf den Kopf stellt, ein Haus Dach-unten in den Bühnenhimmel hängt und es auch noch schneien lässt. Das sind Metaphern nach Holzhammermethode und nichts als Dekoration.

Pesel kann in der Personenführung vor allem auf sein routiniertes Personal bauen. Matthias Kniesbeck, der alte Theaterfuchs, grantelt den Adam in einer würdigen Mixtur aus Selbstverliebtheit und Uneinsichtigkeit und reißt den Rest der Mannschaft förmlich mit. Wunderbar stoischer Gegenpol ist Sven Seeburg als Gerichtsrat, allenfalls beflissen Ralf Beckord als Schreiber Licht.

Doch besonders die jungen Leute, deren Liebe ja durch den machtmissbräuchlichen Zugriff des Dorfrichters ins Wanken gerät (wobei der Krug in Scherben geht), sind außer anbiedernd heutig schauspielerisch überfordert. Floriane Kleinpaß als Eve muss immer große unschuldige Augen machen, ihr Lover Ruprecht (Ronny Tomiska) kriegt hauptsächlich Ohrfeigen von seinem Herrn Papa.

Ansonsten sieht das sehr nach Schauspielschule aus. Und Kleists wundervoll altehrwürdige Sprache wirkt eher domestiziert, denn zu neuem Leben erweckt. Nach knapp zwei Stunden ist alles vorbei und das Ende offen. Zu lachen gab´s auch.