Interview mit Mohammad-Ali Behboudi: „Wir müssen im Gespräch bleiben!“

Interview mit Mohammad-Ali Behboudi : „Wir müssen im Gespräch bleiben!“

27 Mal steht der iranische Schauspieler und Regisseur Mohammad-Ali Behboudi (62) in dem Ein-Personen-Stück „Ich werde nicht hassen“ auf der Bühne des Das Da Theaters in Aachen. Das Stück erzählt die reale Geschichte von Dr. Izzeldin Abuelaish, einem Gynäkologen, der als erster palästinensischer Arzt in einem israelischen Krankenhaus arbeitete.

Abuelaish berichtet vom Alltag in Gaza, vom Warten an den israelischen Checkpoints, vom Familienleben zwischen Hoffnung und Verzweiflung und von dem tödlichen Angriff auf sein Haus am 16. Januar 2009, als um 16.45 Uhr israelische Panzergranaten in das Schlafzimmer seiner Töchter gefeuert wurden. Bessan, Aya und Mayar waren sofort tot, mit ihnen ihre Cousine Noor.

Weil das israelische Militär Journalisten den Zugang nach Gaza verboten hatte, gab Abuelaish einem israelischen Fernsehreporter jeden Tag ein Telefoninterview. Minuten nach dem Angriff rief er beim Sender an, der das Telefonat live in die Sendung übertrug. Die Nachricht ging blitzschnell um die Welt. Abuelaish hätte allen Grund gehabt, Israel zu hassen, stattdessen wurde er zum Vorkämpfer für Verständigung und Versöhnung mit Israel.

„Diese Grundhaltung zur Versöhnung hat mir von Anfang an gefallen, sie hat mich tief beeindruckt“, sagt Mohammad-Ali Behboudi, der in der Rolle des Dr. Abuelaish nach jeder Aufführung mit stehenden Ovationen bedacht wird. Noch zwei Zusatzvorstellungen am 9. und 10. März, dann endet sein Engagement am Das Da Theater. Mit dem seit 1984 in Deutschland lebenden und arbeitenden Behboudi sprach unser Redakteur Thomas Thelen.

Man hat als Zuschauer das Gefühl, dass Ihnen diese Rolle sehr viel abverlangt. Stellt dieses Stück eine besondere Herausforderung für Sie dar?

Mohammad-Ali Behboudi Eine sehr besondere sogar. Hier wird ja keine fiktive Geschichte erzählt, sondern die Biografie eines Menschen, der etwas sehr Schreckliches erlebt hat und trotz dieses Schreckens versucht, einfach Mensch zu bleiben. Das ist zutiefst sympathisch, das will man natürlich besonders gut spielen. Zudem ist es grundsätzlich immer eine Herausforderung, wenn man 90 Minuten alleine auf der Bühne steht. Ob es gelingt, die Spannung aufrechterhalten, hängt letztlich von mir alleine ab. Das ist schon sehr besonders.

Sie verkörpern in dem Stück den Gynäkologen Dr. Izzeldin Abuelaish, der als erster palästinensischer Arzt an einem israelischen Krankenhaus arbeiten durfte – eine wahre Geschichte. Will man als Schauspieler einer realen Person besonders gerecht werden? Ist das ein Unterschied zur Verkörperung einer fiktiven Figur?

Behboudi Das ist es ganz sicher. Eine fiktive Figur kann man ausschmücken, kann man gemeinsam mit dem Regisseur erarbeiten. Bei einer realen Figur versucht man, dieser Figur so nah wie möglich zu kommen. Das ist jedenfalls mein Anspruch. Meine größte Sorge war ja, dass Izzeldin Abuelaish das Stück nicht gefällt. Ich weiß aber, dass er das Stück mag; er hat mir einen sehr persönlichen Brief geschrieben. Es wäre jedenfalls fatal gewesen, wenn ausgerechnet ihm das Stück nicht gefallen hätte.

Hatten Sie bei der Erarbeitung der Rolle Kontakt zur Herrn Abuelaish? Haben Sie ihn erleben und beobachten können, um ihn besonders gut spielen zu können?

Behboudi Das habe ich gar nicht erst versucht. Das wollte ich tatsächlich nicht.

Wäre das Ihrem eigenen Anspruch, den Sie gerade formuliert haben, denn nicht entgegengekommen?

Behboudi Jemanden nachzumachen, ist etwas anderes, als jemanden zu verkörpern. Ich habe seine Lebensgeschichte gelesen und versucht, ihn dadurch gut genug kennenzulernen. Offensichtlich hat das ordentlich funktioniert.

Ihre Zurückhaltung ehrt Sie sehr, die Wahrheit aber ist, dass Sie bisher bei allen Aufführungen stehende Ovationen geerntet haben.

Behboudi So etwas habe ich tatsächlich noch nie erlebt. Viele Zuschauer haben mir gesagt, dass sie nach wenigen Minuten vergessen hätten, dass sie im Theater sitzen. Mancher hat mich nach der Vorstellung sogar mit Dr. Abuelaish angesprochen; ein größeres Lob kann es für einen Schauspieler nicht geben.

Sie haben sich nach jeder Vorstellung bewusst den Fragen der Besucher gestellt. Das ist eher ungewöhnlich.

Behboudi Aber mir ist das wichtig. Und viele Besucher haben mich tatsächlich angesprochen, haben Fragen zum Stück gestellt und alles Mögliche wissen wollen. Mir war keine Minute zu viel.

Zurück zur Rolle: Man ahnt, dass sie viel Kraft kostet.

Behboudi Ich habe schon vor 22 Jahren  ein Solo-Stück in Oberhausen gespielt, insofern ist das kein Neuland für mich. Aber diese Rolle, dieses Stück, das hat es schon in sich – keine Frage. Ich möchte das aber auch nicht zu hoch hängen, ich bin Profi.

Sie sind im Iran geboren, Deutsch ist nicht Ihre Muttersprache. Das allein muss eine große Herausforderung sein.

Behboudi Ich lebe zwar seit 29 Jahren in Deutschland, mache aber immer noch Fehler. Um so wichtiger ist für mich, sehr penibel an meinem Text zu arbeiten. Das hört nie auf. Das ist ein ständiger Prozess.

Variieren Sie in dem Stück Ihren Text? Wie viel Freiheit haben Sie diesbezüglich?

Behboudi Ehrlich gesagt, gar keine. Nicht, weil der Regisseur es so verlangt, sondern, weil das nicht funktionieren würde. Gerade, weil ich das Stück nicht in meiner Muttersprache spiele, muss jedes Wort sitzen. Ich muss exakt und sehr präzise am Text bleiben, auch die Betonung ist sehr wichtig.

Und trotzdem kommt das alles sehr lebendig rüber.

Behboudi Schauspiel bedeutet, etwas wiederzugeben, dass jemand anderes geschrieben hat, aber so authentisch, dass der Zuschauer es glaubt.

Besonders beeindruckend sind die Momente, in denen Sie in der Rolle emotional wegbrechen, Sie von Weinkrämpfen geschüttelt werden. Ist das besonders schwer zu spielen? Kann man so etwas überhaupt spielen?

Behboudi Das kann man, doch es besteht immer die Gefahr, dass der Schauspieler mit sich selbst, beziehungsweise mit der Figur, Mitleid hat. Das darf nicht passieren, da muss man auf Linie bleiben: Emotionen zulassen, aber kein Mitleid. Das ist ein feiner Unterschied.

Was imponiert Ihnen an Izzeldin Abuelaish am meisten?

Behboudi Er hat immer diese besondere Motivation gehabt, für seine Familie und Kinder und das palästinensische Volk da zu sein. Und jemand, der so denkt, kommt nie auf die Idee, sich selbst irgendwie aufzugeben. Das imponiert mir.

Gibt es etwas an Abuelaish, das Ihnen eher unsympathisch ist?

Behboudi Ich will gar nicht sagen unsympathisch, aber er ist schon ein ziemliches Schlitzohr. Außerdem ist ihm seine Karriere doch sehr wichtig – nicht immer zur Freude seiner Frau und seiner Kinder. Da geht er schon unbeirrt seinen Weg. Das muss man nicht uneingeschränkt gut finden. Er ist auf keinen Fall ein Heiliger. Er ist ein Mensch mit Stärken und mit Schwächen.

Am Ende des Stückes sagen Sie, dem Publikum zugewandt: „Wir müssen miteinander reden.“ Das ist ja gut und schön, aber man hat den Eindruck, dass wir heutzutage mit Reden alleine nicht weiterkommen, nicht im israelisch-palästinensischen Konflikt oder sonst wo.

Behboudi Aber reden ist die einzige Chance. Es gibt keine Alternative dazu. Man muss offen bleiben für die Positionen seines Gegenübers, muss zuhören. In der Politik funktioniert das nicht mehr.

Wie meinen Sie das?

Behboudi Bei den Gesprächen auf dem höchsten politischen Ebenen ist doch im Vorfeld alles festgelegt und entschieden, da macht das Reden wenig Sinn.

Wie sieht Ihre Lösung aus?

Behboudi Ich bin überzeugt, dass dies gelingen kann, wenn es vielfältige Begegnungen und Gespräche zwischen den ganz normalen Menschen gibt; darauf kommt es besonders an. Ich glaube nicht, dass Gespräche zwischen Politikern das Verständnis zwischen Nationen fördern, Politiker reden meistens mit Kalkül oder ziehen ihr Ding durch, ohne auf die Meinung der Menschen Wert zu legen, siehe Trump. Es geht um das Verständnis der Menschen füreinander.

Und wie löst sich der Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis?

Behboudi Es gibt keine einfache Lösung. Wir müssen mühsam –  Stück für Stück, Mensch zu Mensch – eine Brücke bauen und diese Brücke auf den nächsten Menschen übertragen, immer wieder.