„Gretchen 89 ff.“ im Das Da Theater: Um Goethe geht es gar nicht

„Gretchen 89 ff.“ im Das Da Theater : Um Goethe geht es gar nicht

Das Häuschen auf der Bühne besteht aus roten Linien und einer transparenten Rückwand. Es erinnert an eine Kinderzeichnung. Und hier soll etwas entstehen, sich entwickeln, möglichst etwas Geniales, manchmal Schattenhaftes?

Oder fällt der ganze Zauber, geschaffen von Bühnen- und Kostümbildner Frank Rommerskirchen, in sich zusammen? Theater eben.

Mit Lutz Hübners Komödie „Gretchen 89 ff.“ hat das Aachener Das Da Theater eine Open-Air-Produktion für die imposante Kulisse der Burg Frankenberg ausgewählt, die äußerlich bescheiden daherkommt, es aber in sich hat. Der witzig-satirische Blick des 55-jährigen Autors hinter die Kulissen des Theaterbetriebs strotzt vor darstellerischer Finessen, die Regisseurin Maren Dupont geschickt bündelt und in Szene setzt. Je skurriler, desto realer? Ja, das Gefühl schleicht sich rasch ein, zumal die Das-Da-Gäste Christine Schaller und Frank Siebenschuh von Anfang an eine enge Beziehung zum Publikum aufbauen.

Was denken Theaterleute über ihre Zuschauer? Ahnungslos! Über Kritiker? Noch ahnungsloser. Über Gagen? Unglaublich schlecht. Über die Karrieren anderer? Unverdient. Von Szene zu Szene schleudert Hübner seine beiden Figuren in zehn Situationen mit diversen Regisseur- und Schauspielertypen. Beständig steht die „Kästchenszene“ aus Johann Wolfgang Goethes „Faust I“ im Mittelpunkt. „Jetzt wirf dich mal auf den Boden, roll dich herum!“: Anweisungen des „Schmerzensmannes“, wie der Mann am Regietisch in einer der Anmoderationen beschrieben wird. Regisseur und Schauspielerin ringen mit der Szene – theoretisch wie körperlich. Da wird hemmungslos geschrien, gefuchtelt, geraucht und vom kalten Kaffee genippt. Fade Probenkostüme sammeln sich wie Strandgut in einer Ecke.

Mit enormer Energie und Verwandlungskraft schaffen Schaller und Siebenschuh diese Achterbahn der Temperamente, Verdrehungen und tragischen Verirrungen. Sie stemmen dabei in 95 Minuten enorme Textmengen. Mit feinem Gespür hat Maren Dupont die Szenen ausgereizt, verlangt pantomimisch und körperlich alles. Frank Siebenschuh ist elastisch wie ein Tänzer, reaktionsschnell und bissig. Die blauen Augen funkeln oder verdunkeln sich, von Leidenschaft kann er sofort auf Desinteresse umschalten und theatralisch schweigen.

Wenn sich Christine Schaller, die immer wieder durch schelmische Komik begeistert, den schwarzen Dramaturginnen-Rollkragenpulli überzieht und verlangt: „Versuch mal, gar keine Figur zu spielen“, ist das sehr authentisch. Als „Anfängerin“ treibt sie den Regisseur mit ihren Atem- und Lockerungsübungen in den Wahnsinn, foltert ihn als nervige „Diva“. Alles Theater? Ein Körnchen Wahrheit steckt in jeder einzelnen Szene. Dafür gibt es viel Zwischenapplaus.

Maren Dupont und das Das-Da-Team gestalten mit „Gretchen 89 ff.“ einen unterhaltenden Abend mit scharf geschliffenen Einblicken in eine Welt der leidenschaftlichen Sehnsüchte und Hoffnungen. Zugleich halten sie die Botschaft aufrecht, die alle verbindet: die Liebe zum Theater. Das Publikum feiert begeistert „sein“ Das Da Theater.

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