Aachen: Tiefes Gefühl ganz ohne Divengehabe

Aachen : Tiefes Gefühl ganz ohne Divengehabe

Opernsängerin Fanny Lustaud vollführt in dieser Saison am Theater Aachen einige extreme Verwandlungen – vom quirligen Girlie am Smartphone bis zur frustrierten Ehefrau am Küchentisch. Und zwischen diverse Frauenbilder schiebt sie auch noch eine Hosenrolle.

Opernsängerin Fanny Lustaud möchte auch Junge ins Aachener Theater locken. Seit dieser Spielzeit ist die junge Mezzosopranistin im Ensemble, es ist ihr erstes festes Engagement – das für sie als Anfängerin schon einige schöne Herausforderungen bereithält: von Barock-Koloraturen bis zu zeitgenössisch jazzigen Klängen.

Nicht nur ihr Chef, Intendant Michael Schmitz-Aufterbeck, greift tief in die Kiste mit den Lobeshymnen und preist ihre „ausdrucksvolle Stimme“, „charismatische Bühnenpersönlichkeit“ und „erstaunliche Wandlungsfähigkeit“. Wenn Fanny Lustaud dieses (per E-Mail geäußerte) Lob hören könnte, würde der Französin vermutlich ein „Bof!“ entfahren, wie so oft im Laufe des Gesprächs. Also ein cool-charmantes „Na ja“, das alles Hochfliegende schnell wieder auf den Boden zerrt.

Da im Theatercafé sitzt keine Primadonna. Im weiten grauen Shirt, die Haare ein bisschen zauselig hochgesteckt, erzählt Fanny Lustaud, wie ein paar Lehrer ihre Stimme entdeckt und sie mehr oder weniger auf die Bühne geschubst haben. „Ich dachte zuerst: Opernsängerin? Das klingt nicht so wie eine Arbeit!“ Erst „peu à peu“ habe sie verstanden, was sie kann – auch als Solistin. „Bof!“ Ihr französischer Akzent rundet die harten Konsonanten-Kanten des Deutschen angenehm ab – so wie bei ihrer Singstimme das warme, weiche Timbre auffällt.

Lustaud in einer Probe mit Netta Or (r.) als Fiordiligi. Foto: Carl Brunn/Theater Aachen/Carl Brunn

In Aachen erstmals im Händel-Oratorium „Il trionfo del Tempo e del Disinganno“: Da ist sie als allegorisches Vergnügen mit wallender Mähne modelgleich über den Catwalk gestöckelt, hat die Sinnenlust gepriesen, viele Selfies gemacht und mit dem Arien-Hit „Lascia la spina“ betört – bevor sie in Bernsteins „Trouble in Tahiti“ dann als Hausfrau Dinah mit Schürze und Lockenwicklern in die erkaltete Ehe-Einbauküchenhölle abstürzte und in Gounods „Roméo et Juliette“ mit Pferdeschwanz den Pagen Stéphano spielte. Ein Auf und Ab der Gefühle auf der Bühne, und jetzt schlägt auch noch Fanny Lustauds Privatleben einen Purzelbaum. Aber dazu gleich mehr.

Erst mal zur Arbeit, da steht nämlich die nächste große Rolle für den lyrischen Mezzosopran an. Als Dorabella wird sie in Mozarts „Così fan tutte“ wieder zum Smartphone greifen. Ute M. Engelhardt, die vorige Saison mit Poulencs „Dialogues des Carmélites“ eine Gemeinschaft von Nonnen berührend zum Schafott führte, inszeniert das Kammerspiel zweier blutjunger Paare, die sich über Kreuz verlieben (und verlieren?), im Heute: Auf der Bühne dreht sich ein heruntergekommenes Hotel im Irak. Ferrando und Guglielmo, die Geliebten der Schwestern Dorabella und Fiordiligi, sind (wie im Libretto) Soldaten, die vermeintlich aufs Schlachtfeld geschickt werden – um verkleidet zurückzukehren und die Treue ihrer Freundinnen auf die Probe zu stellen. Doch so ganz unwissend sind die jungen Damen nicht, auch nicht sexuell, wie zu sehen sein soll, betont Fanny Lustaud. „Wir sind keine dummen Mädchen!“, sagt sie über die Figuren, reißt die braunen Augen auf und schürzt die dunkelrot geschminkten Lippen. Die Mozart-Teenies tendieren in Aachen „so Richtung 19 Jahre“, sagt die 29-Jährige, die privat eher als Abiturientin denn als knapp 30-Jährige durchgehen würde.

Als Dorabella klammert sie sich an eine Ferrando-Puppe aus dem 3D-Drucker und trägt eine Unterhose mit dem Bild ihres Verlobten, doch abgesehen von der modernen Oberfläche ist es Fanny Lustaud wichtig, tiefe Gefühle über die Rampe zu bringen, zu bewegen. Was ist Ernst, was Spiel? Wie viel Vertrauensverlust hält eine Beziehung aus? Das seien doch ganz heutige Fragen.

Aber kann sie damit auch junge Leute anlocken? Der Sängerin ist klar, dass Junge sich in der Oper fragen mögen: „Wieso schreien die so laut auf Italienisch?“ Daher sei es ihre Aufgabe, „Oper aktuell zu machen, sonst kommen die Leute irgendwann nicht mehr“. Mit Blick auf das schwindende Musiktheaterpublikum von morgen denkt man insgeheim: Ja, mit so jungen ungekünstelt wirkenden Sängern wie Fanny Lustaud könnte der Silbersee im Zuschauerraum doch tatsächlich bunter werden!

Ihr Ziel sei es jedenfalls, die Zuschauer mit Mozart lachen und weinen zu lassen, so dass sie „Così fan tutte“ vielleicht nicht mit „So machen’s alle“ (Frauen, Männer und sonstige) übersetzen, sondern mit: So könnte es auch mir passieren.

Im Gegensatz zu den Liebeswirren auf der Bühne lebt Fanny Lustaud privat in einer festen Beziehung mit dem Tenor Stefan Sbonnik. Die sich allerdings auch bald verändern wird, denn – das erwähnt die Sängerin eher nebenbei – sie ist schwanger, im sechsten Monat. Das noch dezente Babybäuchlein soll in der „Così“ ein Kaschmirpulli kaschieren. Eine schwangere Dorabella würde nicht so gut ins Regiekonzept passen. Zwar plagen die Sängerin schon etwas Rückenschmerzen, aber es fällt ihr leichter zu singen: mehr Volumen und eine Stütze für die Stimme „wie ein Kissen“, erklärt sie und legt die Hände unter die Rippen.

Hören soll man das auch während des Reitturniers bei „Pferd & Sinfonie“ am 12. und 13. Juli – vor der kurzen „Babypause“. Als Charlotte in „Werther“ wird der Mezzo vielleicht schon wieder die eine oder andere Vorstellung singen, in „Pique Dame“ (Premiere: 9. Februar) als Polina will sie auf jeden Fall wieder dabei sein, bevor sie sich erneut in Liebesverwirrungen stürzt: als Diana in der Barockoper „La Calisto“, an der Seite ihrer französischen Freundin Suzanne Jerosme in der Titelrolle.

Von Strauss-Partien wie Octavian oder Rossini-Rollen wie Rosina oder Isabella muss Fanny Lustaud zurzeit noch träumen, erst mal stehen Alltagsfragen an: Opernbetrieb und Kind – wie soll das klappen? Die Sängerin weiß, dass eine Kita im Theater eher unwahrscheinlich ist und es „finanziell kompliziert“ wird, wenn die eh nicht üppige Gage als Elterngeld noch schmaler ausfällt. Aber: „Meine Eltern sind Rentner“, und mit dem Thalys sind sie schnell von Paris in Aachen. Also: „Bof! Irgendwie klappt das!“

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