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Saisonstart am Theater Mönchengladbach : Schwungvolles Kammerspiel

Saisonstart am Theater Mönchengladbach : Schwungvolles Kammerspiel

„Goodbye to Berlin“ sollte eigentlich schon vor zwei Wochen Premiere am Theater Mönchengladbach haben, doch dann gab es einen Corona-Fall im Umfeld des Ensembles. Nun wird das Stück endlich gespielt – und auf der Bühne geht richtig die Post ab.

Die zweiwöchige Quarantäne ist vorbei, jetzt kann das Schauspiel am Theater Mönchengladbach endlich wieder loslegen. Ein Coronavirus-Fall im Umfeld des Ensembles hatte die ursprünglich geplante Premiere verhindert. Mit „Goodbye to Berlin“, dem Titel eines Erzählbandes von Christopher Isherwood aus den frühen 30er-Jahren, aus dem nach dem Krieg das Erfolgsmusical „Cabaret“ wurde, startet das Zwei-Städte- und Drei-Sparten-Haus in eine von der Pandemie überschattete Spielzeit. Allerdings – und dafür ist in diesem Fall Regisseur Frank Matthus zuständig – sprühen dabei die kreativen Funken.

Obwohl nicht mal die 350 amtlich erlaubten Plätze im Saal besetzt sind, bleibt ein mulmiges Gefühl beim einen oder anderen Besucher dieser als „Szenische Lesung“ eher missverständlich betitelten Spielzeiteröffnung. Denn trotz freiem Nebenplatz sitzt man ganz schön eng aufeinander im Parkett.

Auf der weitgehend leeren, schwarzen Bühne dagegen geht die Post ab. Regisseur Matthus, der die geplante „Cabaret“-Inszenierung  auf die kommende Spielzeit verschoben hat, rankt um die Figur des Autors Christopher Isherwood ein über weite Strecken höchst unterhaltsames Vexierspiel, in dem sich die Erzählung aus dem Berlin vor Hitlers „Machtergreifung“, das Musical und die Inszenierung unter pandemischen Umständen verzahnen. Was als Lesung mit Tisch und Stuhl beginnt, weitet sich bald zum Kammerspiel, in das so unvermittelt wie amüsant Verfremdungseffekte einfließen.

Der Autor in Gestalt von Paul Steinbach ringt um die Deutungshoheit seiner Geschichte. Allerdings drängen sich zunächst der Conférencier (Adrian Linke mit dem Song „Welcome“) und die von Bruno Winzen und Esther Keil verkörperten Bewohner der Fräulein Schneider’schen Unterkunft singend in den Vordergrund. Später stößt auch die lebenslustige Sally Bowles zu dieser Truppe, die zwischen Prekariat und Revolution, Prostitution und Selbstbestimmung in die weltgeschichtliche Katastrophe schliddert. Jannike Schubert ist die Sally mit vollem Körpereinsatz, umwerfend langen Beinen und facettenreicher Musical-Stimme (Choreografie Kerstin Ried). Eine glückliche Mischung.

Immer wieder greift aber auch Corona in die Bühnen-Handlung ein, sei es als Persiflage aufs Verordnungschaos, sei es in Form von Plexiglas-Wänden auf Rollen, die Bühnennähe zwischen Liebenden immerhin erlauben. Dass auf diese Weise ein Tango möglich, ja verzweifelt möglich wird, ist einer der stärksten Momente dieser 90 Minuten, die sowohl Musical-Fans bedient als auch die geschichtlichen Hintergründe des Welterfolgs mit den klugen Mitteln des Theaters aufarbeitet.

Das Konzept des Abends trägt über lange Strecken, verbindet Amüsement und Anspruch. Dass nach einer Hitler-Parodie dann aber doch die Glitzerkugel funkelt, mag als Tribut ans Publikum durchgehen. Oder als Hoffnung auf bessere Zeiten.