"Nationalstraße": Premiere im Theater Aachen

Premiere im Mörgens : Der Krieg im Kopf

Bei der Premiere von „Nationalstraße“ im Mörgens lernt man den aggressiven Schlägertypen Vandam kennen. Er befindet sich im ständigen Krieg. Doch das Stück lockt den Zuschauer auf eine falsche Fährte.

Der Ort ist trostlos: eine Jägerkneipe in einer Plattenbausiedlung Prags, drei schäbige Tische. So trostlos wie die Situation der Figuren, die Jaroslav Rudiš in seinem Roman „Nationalstraße“ erschaffen hat, der jetzt als Theaterstück Premiere im Mörgens feierte. Schwung in die Bude bringt einzig Vandam (Tim Knapper), den man als aggressiven Schlägertypen kennenlernt. Er trägt seinen Namen, weil er wie der Kampfsportler-Darsteller Jean-Claude Van Damme 200 Liegestütze am Stück schafft: „Man muss vorbereitet sein auf den Krieg.“

Der droht überall: zwischen Völkern und Staaten, Klassen und Schichten, Frauen und Männern. Die Perspektivlosigkeit füllt Vandam mit Saufen und Raufen. Und Lesen. Er kennt sich aus mit der Geschichte, vor allem mit Schlachten. Sein erster Satz setzt den Fokus: „Adolf Hitler hat mein Leben gerettet!“ Es folgt ein langer Monolog, geschickt in Szene gesetzt mit Hilfe der anderen, von denen nur Froster (Torsten Borm) und Silva (Stefanie Rösner) einen Namen bekommen, Benedikt Voellmy und Rainer Krause heißen bloß „Einer“ und „Ein Anderer“.

Publikum als Ansprechpartner

Vandam spricht wie zu sich selbst, in Wahrheit zu seinem Sohn, der nur in seinen Erzählungen auftaucht. Als Ansprechpartner hält das Publikum her. Und wenn Vandam mit seiner physischen Präsenz einem Zuschauer eine rhetorische Frage stellt, dann passiert es ab und an, dass der tatsächlich antwortet.

Nach und nach erfährt man mehr über Vandam. Er war, so geht das Gerücht, ein Held, der Tscheche, der auf der Nationalstraße in Prag während der samtenen Revolution den ersten Schlag geführt hat. Sonderlich sympathisch ist er nicht mit all seinen dumpfen Parolen. Doch Regisseur Felix Sommer schafft es, Vandam trotz aller Nazi-Verhaltensweise menschlich zu machen – vor allem in der Szene, als sich Vandam und Silva einander offenbaren. Doch Vandam kann nicht anders, er schlägt wieder zu.

Wenn man zu wissen glaubt, wohin die Reise geht, nimmt die Geschichte eine so dramatische wie überraschende Wendung. Rudiš hat es geschafft, das Publikum auf die falsche Fährte zu locken. Verdienter langer Applaus!

Die nächsten Termine: 25. November., 7., 16. und 20. Dezember. Karten beim Kundenservices des Medienhauses Aachen.

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