„Tartuffe“ in Mönchengladbach: Kurzweilig und herrlich absurd

„Tartuffe“ in Mönchengladbach : Kurzweilig und herrlich absurd

Am Theater Mönchengladbach inszeniert Dedi Baron Molières Komödie „Tartuffe“. Die Zuschauer erleben das Allzumenschliche hinreißend dargeboten.

Tartuffe euphorisiert. Dieser angeblich so ungeheuer fromme, bettelarme, keusche Mann, der hintenrum den Damen an die Wäsche geht, Orgon Haus und Hof abschwatzt und schließlich mit polizeilichem Räumkommando anrückt, stellt die Welt schon in Molières Welt vor 350 Jahren derart auf den Kopf, dass die Komödie „Tartuffe“ umgehend verboten wurde. Auch heute noch sprühen dabei die Funken von der Bühne ins Publikum, jedenfalls wenn, wie jetzt zur ersten Schauspielpremiere der Theatersaison in Mönchengladbach, eine Regisseurin vom Format der Dedi Baron inszeniert.

Die Israelin, die außer in Tel Aviv regelmäßig in Kiel und Düsseldorf arbeitet und vor zwei Jahren mit Grossmanns „Aus der Zeit fallen“ am Niederrhein gastierte, pflanzt dem Ensemble die Lust am Spiel mit Molières vertrackten Reimen und den so sonderbar alltäglichen Figuren ein. Mit im Team sind Ausstatterin Kirsten Dephoff, die die Bühne mit lauter Kugeln bevölkert, die wie selbstverständlich der Welt des Bürgertums im Weg liegen und Anlass für allerlei Spielchen liefern; und Bojan Vuletics Musik, die die Szenerie mit einem weiteren doppelten Boden durchzieht. Das heiter-abgründige Spiel um Täuschung und Selbsttäuschung nimmt seinen Lauf bis zum Operetten-Happyend im Goldflitterregen.

Allzumenschliches in jeder Figur

Baron hält bemerkenswert konsequent Sympathie und Abscheu für die handelnden Figuren im Vagen. Die feine Verwandtschaft im Hause Orgon, wie sie sich in Golfkluft mit Rolex, Goldkettchen und weißen Socken die Zeit mit Boule und Kegeln vertreibt; der Hausherr, dem erst als verkleidete Stehlampe die Augen in Bezug auf Tartuffes Absichten aufgehen; der „Heilige“ selbst, der fast bis zum Schluss sich und das Publikum im Unklaren hält, ob er nun Täter oder Opfer sei – alle Figuren tragen das Allzumenschliche in sich, das Molière so zeitlos gültig aufspießte.

Der Tartuffe des Henning Kallweit ist ein dezenter, zarter Typ in schwarzem Pulli, eine ideale Projektionsfläche für die (unbewussten) Sehnsüchte der Gesellschaft. Eine winzige Berührung, ein paar schmeichelnde Worte – schon steht die Hausherrin (hinreißend Esther Keil im Goldrock) hemmungslos in Flammen. Kann er was dafür?

Charme und Kurzweil des Abends speisen sich aus der Ironie, die Baron über Molières Ironie legt. Die unerträgliche Vers-Suada Cléantes (Adrian Linke) dehnt sich noch und noch unerträglicher; die zarten Techtelmechtel der jungen Leute (Eva Maria Schmidt als Mariane und Philip Sommer als Valère) zappeln immerzu in albernem Kopulationsrhythmus; das luxemburgisch-sächsische Kauderwelsch der Zofe Dorine (umwerfend: Carolin Schupa) sprengt jede Hierarchie.

Erst als am Ende Tartuffe in Fascho-Kluft und ebensolchen Begleitern anrückt (die allerdings kindlich mit Trompeten statt Gewehren bewaffnet sind), ist es Zeit für Lametta. Doch das kann ja sowieso keiner glauben.

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