Mussorgskis „Boris Godunow“ in Mönchengladbach: In Russlands düsterer Seele

Mussorgskis „Boris Godunow“ in Mönchengladbach : In Russlands düsterer Seele

Modest Mussorgskis „Boris Godunow“ ist ein besonderer Fall. Wohl selten in der Musikgeschichte hat sich ein Komponist so wunderbar düster in die Seele seines geschundenen Volkes versenkt.

Mussorgskis Tonsprache aus den 60er-Jahren des 19. Jahrhunderts wurde später zum Inbegriff der Russischen Musik. Seine einzige vollendete Oper jedoch wollte in der Ur-Fassung von 1868 keiner spielen, weil er für den Geschmack der Zeit viel zu viele Chorszenen und keine weibliche Hauptrolle beinhaltete. Dass Agnessa Nefjodov am Theater Mönchengladbach jetzt den zuletzt wieder in Mode gekommenen Ur-Boris inszeniert, dürfte für viele Opernliebhaber zu einem Aha-Erlebnis führen. Nicht zuletzt, weil die musikalische Qualität enorm ist.

Allein 70 Sänger stehen in Chor und Extrachor auf der Bühne im Gladbacher Opernhaus und übertönen im Tutti die von GMD Mihkel Kütson befehligten Niederrheinischen Sinfoniker im Graben. Die stimmen schon im kurzen Prolog jene watteweichen, melancholischen Farben an, die als „russische Seele“ in der Klischeekiste liegen. Englischhorn und Fagott im Unisono intonieren das klagende Anfangsmotiv, später überbieten sich Holz und Blech in weitgespannten, Elend klagenden Melodiebögen. Kütson hat die klanglichen Reize der originellen Partitur mit Lust ausgearbeitet, der Chor dankt es mit sattem, differenziertem Sound.

Im äußerst anerkennenden Schlussapplaus dürfen am Ende des Abends mehr als ein Dutzend Solisten baden. Einsam überstrahlt Johannes Schwärsky das Ensemble, dessen dunkler Bariton der tragischen Titelfigur Wärme und Kraft verleiht und ihn als einzige Person mit so etwas wie Entwicklung ausstattet. Denn Mussorgskis Oper ist ein nur im Kopf des Betrachters sich zusammenfügender Reigen von sieben in sich eigenständigen Bildern aus dem Leben des Boris Godunow, der als fürsorglicher Zar so etwas wie ein Sympathieträger sein könnte. Wenn er nicht durch Kindermord an die Macht gekommen wäre.

Ihm entgegen wirken ein weiser alter Mönch (Hayk Dèinyans Bass durchglüht die Pimen-Partie) und ein intriganter Fürst (Kairschan Scholdybajew mit fieser tenoraler Strahlkraft als Schujskij). Bis Boris dem Wahn verfällt. Sein Tod ist dann aber ja auch keine Lösung. Denn, zumindest in der Sicht von Regisseurin Nefjodov: Zarewitsch Fjodor (Susanne Seefing in einer Hosenrolle) kommt beim allgemeinen Schlusstumult um, so bleibt der „falsche Dimitri“, Verkörperung von Boris‘ Schuld, als fahler Hoffnungsträger übrig. Gast-Tenor Igor Stroin jedenfalls hat (stimmlich) das Zeug zur neuen Leitfigur.

Die Musik taucht die Regie mit Hilfe von Bühnenbildnerin Eva Musil und Ausstatterin Nicole von Graevenitz in düstere, graue Bilder. Bemerkenswert bleibt, dass Nefjodov mit Mussorgski (und Kütson) einig ist. Die großen Chortableaus haben immense Kraft, sie bewegt die Massen souverän. Auch die kammermusikalischen Szenen atmen den besonderen Geist aus Lebenslust und Schwermut. Sehenswert.

Die nächsten Aufführungen sind am 31. März, 18., 20. April, 10., 19., 24., 29. Mai. Karten gibt es unter 02166/6151100 und
www.theater-kr-mg.de.

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