„Danach“ im Grenzlandtheater: Hervorragend gespieltes Vorstadt-Drama

„Danach“ im Grenzlandtheater : Hervorragend gespieltes Vorstadt-Drama

Es ist bei weitem keine leichte Kost, für die das Premierenpublikum von „Danach“ im Grenzlandtheater stehend Applaus gibt. Der US-amerikanische Autor Michael McKeever hat sich den Themen Familienentfremdung, Mobbing unter Jugendlichen und der leichten Erreichbarkeit von Waffen in den Vereinigten Staaten – und deren Konsequenzen – angenommen.

Der Kniff an der Story ist, dass er das Geschehen einzig aus der Perspektive der Erwachsenen, der Eltern der Betroffenen, schildert. Da sind die Campbells, die in einem katalogartig eingerichteten Haus leben. Julia (Maja Müller) arbeitet hart dafür, dass alles perfekt scheint, von ihrer makellosen Kleidung über den gemähten Rasen bis zu ihren Fähigkeiten als Gastgeberin. Ihr Mann Tate (Fabian Goedecke) ist ein Erfolgsmensch mit festen Ansichten, dessen Selbstsicherheit an Hochmut grenzt.

Anfangs rätseln die Zuschauer, wieso das entfernt befreundete Ehepaar Connie (Meike Anna Stock) und Alan Beckman (Peter Kempkes) zu einem klärenden Gespräch zu den benachbarten Campbells gebeten wird. Es ist etwas zwischen den Söhnen vorgefallen. Während die Campbells das als Dummheit eines Heranwachsenden abtun und gerne vergessen möchten, fordern die Beckmans Konsequenzen. Eine dreitägige Suspendierung vom Unterricht sei nicht genug, sie wollen einen Schulverweis erreichen. Dass eine Aussprache bei solch diametral entgegengesetzten Ansichten nicht friedlich abläuft, versteht sich. Da trifft es sich, dass Julia – in weiser Voraussicht? – die Nachbarin Val Wallace (Juliane Fechner) dazu gebeten hat. Die Paare hatten früher mehr miteinander gemein, haben sich nun aber nicht viel zu sagen. Doch dann passiert etwas, das das Leben aller für immer gravierend verändert.

Der Auslöser wird nie gezeigt

Michael McKeevers Schauspiel ist ein Dreiakter. Das „Danach“, das den Titel gibt, findet lediglich im letzten Akt statt. Der erste könnte „Vorher“, der zweite „Während“ heißen. Vielleicht wäre „Darüber“ ein passenderer Gesamttitel, denn alles, was an auslösender Handlung der Katastrophe geschieht, wird nie gezeigt: Das Drama findet in den Reaktionen der Eltern statt. Sie reden darüber. Diskutieren darüber. Streiten darüber. Verzweifeln darüber.

McKeever zeigt zwei Paare, die auf völlig unterschiedliche Arten mit einer persönlichen Katastrophe umgehen. Während Connie Beckman alles sofort anspricht und keinem Streit aus dem Weg geht, ist Julia das Gegenteil. Bei ihr bleibt alles schön oberflächlich – aber eben auch nur oberflächlich schön. Über Probleme spricht sie nicht, sie lächelt sie weg. Auch Tate macht sich das Leben nicht mit Beziehungsarbeit schwer: „Ich dachte immer, bei uns ist alles in Ordnung.“

Doch das Stück hat seine Probleme. Die Rolle der Val ist – bis auf eine einzige Szene – im Prinzip überflüssig. Weder vermittelt sie dem Publikum das Geschehene, noch ist sie ein tragendes drittes Momentum der Handlung. Zudem ist das Stück sehr amerikanisch, mit sehr amerikanischen Problemen sehr amerikanischer Familien in sehr amerikanischen Vorstädten. Ließen sich die Themen nicht auch auf ein europäisches, auf ein deutsches Terrain übertragen? Wäre das Publikum dann direkter angesprochen?

Regisseur Udo Schürmer macht aus „Danach“ ein beklemmendes Kammerspiel, über das man noch lange grübelt und diskutiert. Die schauspielerischen Leistungen sind hervorragend und erhalten zu Recht lauten und lang anhaltenden Beifall.

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