„Ein großer Aufbruch“ am Grenzlandtheater: Eine Nachricht wie ein Peitschenhieb

„Ein großer Aufbruch“ am Grenzlandtheater : Eine Nachricht wie ein Peitschenhieb

Es gibt Situationen in diesem Stück, bei denen wird man vom eigenen Lachen überrascht. In „Ein großer Aufbruch“ von Magnus Vattrodt geht es ums Sterben und ums Leben, um Sehnsüchte, enttäuschte Hoffnungen, verpasste Gelegenheiten, Versagen, schwelende Konflikte.

Der Autor, 1972 in Karlsruhe geboren, entwickelt die Charaktere und ihre Schicksale mit filmischer Darstellungskraft und psychologischem Geschick. Für das Grenzlandtheater Aachen hat Intendant Uwe Brandt das Stück mit Witz und mit klaren Linien im emotionalen Chaos inszeniert.

Holm, ehemals Ingenieur in der Entwicklungshilfe, lädt das Freundespaar Adrian und Katharina, die Töchter Charlotte und Marie sowie Exfrau Ella in sein Landhaus ein, um ihnen den eigenen Tod zu verkünden. Er ist krank und möchte seinem Leben ein selbstbestimmtes Ende setzen. Als Fremder kommt Heiko, Maries derzeitiger Freund, dazu. Dass dieser Abend nicht friedlich verlaufen wird, ist Holm klar, und er erwartet es mit grimmiger Genugtuung. Wie ein Peitschenhieb knallt die Nachricht in die Mitte der Gruppe. Alte Narben brechen auf. Alles läuft aus dem Ruder, Lebenslügen kommen zum Vorschein. Auch Fragen: Darf das Holm überhaupt? Wie kann er es wagen?

Das Bühnenbild ist eigenartig, erfüllt aber seinen Zweck: Jeweils zwei Zugänge links und rechts verbinden eine hölzerne Tafel, die an einen Richtertisch erinnert. Über allem das riesige Porträt eines Menschenaffen, ganz nah. Den klugen  Augen kann sich niemand entziehen, und man hat das Gefühl, im Laufe des Stücks blicken sie warm, traurig, ärgerlich, aufmerksam und kritisch, je nach Stand der Dinge. Eine bewegende Gestaltung durch Bühnen- und Kostümbildner Manfred Schneider.

Das Grenzlandtheater zeigt "Ein großer Aufbruch" von Magnus Vattrodt. Foto: Kerstin Brandt

Der Erfolg dieser temporeichen Inszenierung liegt bereits in der Auswahl des Ensembles. Peter Donath ist als Holm ein Mann, der Konflikten stets aus dem Weg ging, das Leben mit gutem Wein bis zuletzt genießen will und ein Meister der Selbsttäuschung ist. Die Töchter Charlotte (Cynthia Thurat) und Marie (Nadine Kiesewalter) könnten nicht unterschiedlicher sein. Marie hat sich einen Business-Schutzpanzer zugelegt, um Kummer zu verdrängen; die sensible Charlotte findet keinen Halt im Leben. Die beiden Darstellerinnen setzen das überzeugend und mit einem Gefühl der Verbundenheit um.

Schmallippig kommt Patricia Schäfer als Mutter Ella dazu: Ironie im Blick, elegant, beherrscht und doch zutiefst verunsichert. Die komplizierte Konstellation vervollständigen Adrian und Katharina. Häuslich und pusselig zeichnet Wolfgang Mondon einen Adrian, der tiefgründiger ist als vermutet. Simone Pfennig ist eine nach außen hin flotte, aber extrem frustrierte Katharina, deren Lebensentwurf nicht funktioniert hat. Im „gemütlichen Beisammensein“ kocht alles hoch. Martin Molitor vermeintlich kühler Heiko sorgt punktgenau für die Prise englischen Humors. Die Pointen sitzen.

Jeder hat sein Drama, das Uwe Brandt herausarbeitet. Dabei sind die Tragödien alle gleichwertig, wird selbst das Sterbethema nicht übermächtig. „Ein großer Aufbruch“ ist Unterhaltung und Drama, lebensnah erzählt, wobei sich Brandt nicht in einzelnen Figuren oder Geschichten verliert, sondern die Fäden in der Hand behält. So kann man sich aussuchen, welchem Familienmitglied man sich besonders nah fühlt. Begeisterter Applaus.

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