„4000 Tage“ im Grenzlandtheater: Ein Stück Leben einfach vergessen

„4000 Tage“ im Grenzlandtheater : Ein Stück Leben einfach vergessen

Peter Quilters Stück „4000 Tage“ über einen Koma-Patienten im Grenzlandtheater

Ein weißer Raum, Krankenbett, Nachttisch, Infusionsständer. Alles klar, das ist ein Krankenzimmer in einer Klinik. Wenn dann noch ein Mensch bewegungslos mit geschlossenen Augen im Bett liegt, versteht man schnell: ein Koma-Patient. Das Stück „4000 Tage“ des britischen Autors Peter Quilter erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der wegen eines Blutgerinnsels im Gehirn drei Wochen lang im Koma liegt und dabei das Leben seiner 4000 letzten Tage vergessen hat, als er aufwacht.

Im Grenzlandtheater Aachen hat Michael Meichßner die Geschichte inszeniert, für die Britta Langanke mit gegenwärtiger Sachlichkeit Bühne und Kostüme entwarf. Die Thematik ist brisant. Was fühlen Menschen, denen ein großes Stück Erinnerung fehlt, wenn sie nach einer Zeit der geistigen Abwesenheit aufwachen und mit Sachverhalten konfrontiert werden, die ihnen rätselhaft erscheinen müssen.

Bei Michael (Patrick Kramer) ist das so. Mutter Carol findet seinen Koma-Zustand langsam lästig, der Körper im Bett ist zwar ihr Sohn, aber warum sollte man da nicht eine Zigarette rauchen? Maria Ammann ist eine Carol mit aggressiver Energie, egozentrisch, eitel, dennoch kämpferisch, was sich selbst in ihrem Gang zeigt. Wenn Paul (Thomas Ziesch), der Lebenspartner des Sohnes auftaucht, wird sie bissig und gemein. Er ist ganz nett, bieder fast, Ziesch macht deutlich, dass dieser bodenständige Mann weder seine homosexuelle Liebe noch die Bindung zu Michael verleugnen will. Bis dahin ist alles gut umgesetzt, protziger Blumenstrauß der Mama, rührende Blümchen des Geliebten. Giftpfeile gegen den Partner des Sohnes, die Hoffnung, dass sich die Beziehung der beiden erledigt hat bestimmen die Zankereien.

Und dann kommt der große Moment – Michael wacht auf. Nun wird die Regie zaghaft. Kramer schaut sich wie ein großes Kind um und greift zum Trinkbecher, Paul rennt los und ruft „Schwester, Schwester!“ Aber irritiert scheint der Erwachende nicht. Staunend verfolgt er zwar die Ausführungen seiner Umwelt, wundert sich über Mamas faltige Hände und diesen bemühten Paul, aber sonst ist er ganz munter. Nicht aus der Bahn geworfen oder irgendwie verloren in Zeit und Raum.

Im Staunen steckengeblieben

Selbst die Liebe zum Mann ist „irgendwie“ wieder da, als man ihm das mitgeteilt hat. Das Ringen der Mutter bleibt erfolglos. Und dann wundert man sich: Es heißt, dass Michael schon früher viel Distanz zur Mutter aufgebaut hat – aber er kuschelt mit ihr. Und die einstige Freude am Malen? Im Krankenzimmer darf er herumklecksen, so eine Art Maltherapie. „Ich bin aufgewacht“, sagt er bedeutungsschwer. Soll das Veränderung andeuten?

Meichßner geht eher oberflächlich mit dem tiefgründigen Stoff um, als ob er Panik, Qual, Not und existenzielle Verzweiflung von Menschen, die ihr Gedächtnis verloren haben, meiden will. Michael-Darsteller Kramer bleibt im Staunen stecken, er könnte sicher mehr. Als Freund Paul, der sich eine Menge einfallen lässt, um Michaels Erinnerung zu wecken, überzeugt Thomas Ziesch. Wut, Anspannung, Kampf um seine Lebe sieht man ihm an. Maria Ammann ist am besten, wenn sie als egozentrische Mama herumzicken kann. Die Inszenierung lässt Wünsche offen. Immerhin bringt sie ein bewegendes Thema ins Gespräch. Freundlicher Applaus.

Das Stück läuft noch bis zum 23. April im Grenzlandtheater Aachen (Elisengalerie), danach in der Region. Tickets gibt es beim Kundenservice des Medienhauses Aachen.

Mehr von Aachener Nachrichten