„Kurzer Aufenthalt“ im Theater K in Aachen: Düstere Poesie eines starken Duos

„Kurzer Aufenthalt“ im Theater K in Aachen : Düstere Poesie eines starken Duos

„Kur­zer Aufenthalt“ heißt die musikalisch-surreale Soirée, die im Aachener Theater K am Wochenende ihre magische Uraufführung erlebt hat – ein grandioses Solo für Hauptdarstellerin Annette Schmidt und den Komponisten, Gitarristen und Sänger Sasan Azodi.

Die Steine haben ein freundliches Wesen, Schnecken können rücksichtslos sein, und der Charakter einer Birke ist eher abgründig als hell und luftig. Der karge Raum im „Tuchwerk“ ist hoch, offen, düster. Das bizarre Skelett eines fiesen Fabelwesens schwankt schwarz und stachlig über einer grauen langen Tafel. Dort dürfen 28 Zuschauer vor Glastellern mit Häppchen Platz nehmen, rundum gibt es Stehtische im Dunkeln. Das Ende der Tafel bietet ein Podium für den Musiker. Am Kopf gibt es eine Art Thron aus verknoteten grauen Leibern für die Gastgeberin. Ana Balzer (Bühnenbild) und Jochen Deuticke (Lichtdesign) sorgen für Düsternis, eine Welt in der Welt.

Annette Schmidt brilliert im tief dekolletierten grau-glitzernden Abendkleid, das sich öffnet, schwarze Leggins und Stiefel preisgibt, bereit zu Flucht und Kampf. Die Schauspielerin agiert als diabolische Erzählerin, hin- und hergeworfen in der Erinnerung. Oder ist alles erfunden? Man muss sich an die Situation gewöhnen, wird allerdings schnell hineingezogen in wirbelnde Fantasien und Bilder.

Kern der Performance ist Christoph Meckels Erzählung „Die Schatten“. Der preisgekrönte Lyriker, 1935 in Berlin geboren, setzt auf die suggestive Wirkung von Dichtung. Annette Schmidt beweist mit geradezu irritierender Ausstrahlung, wie Recht er hat. Drei Gedichte von Sasan Azodi („Aller Anfang“, „Schattensammler“ und „Standbild“), von ihm mit wunderbar fremdartigem Duktus vorgetragen, sowie der Text „Reise durch die Dämmerung“ von Meckel erweitern die Geschichte.

Laut, aufgekratzt, gefährlich

Mit zunehmender Leidenschaft entwickelt sich die abstruse Geschichte einer Erweckung. Annette Schmidt als Besucherin einer schläfrigen Stadt, als Investorin, Kapitalistin, Magierin. Mit der Geschichte verändert sich auch sie, wird laut, aufgekratzt, gefährlich.

Wer die Texte des Österreichers André Heller kennt, fühlt sich stellenweise an diese düstere, opulente Poesie erinnert. Meckels Werk lockt den Zuhörer tief in die schwarzen Neigungen der menschlichen Seele – Gier, Brutalität, Herrschsucht, Selbstvernichtung. Die Liste ist lang. Und schlimm. Wehe, wer die Sünde des Schatten-Kaufs begeht, nachdem die Schatten-Räuber bereits leichtes Spiel hatten.

Und die Magierin, die das alles ins Rollen gebracht hat? Mit bedauernder theatralischer Gestik schwebt sie davon, auf der Suche nach neuen Opfern, gefährlich charmant, wenn auch etwas derangiert. Sasan Azodi sorgt für eine Klangkulisse, bei der man stellenweise den Atem anhält. Zusammen sind sie ein starkes Duo, vom Publikum mit anhaltendem Applaus gefeiert.

„Kurzer Aufenthalt“, musikalisch-surreale Soirée nach Texten von Christoph Meckel, 20 Uhr, Uraufführung, Theater K im Tuchwerk, Strüverweg 116, Aachen. Termine: 20., 22., 25., 27., 31. Oktober. Mehr: www.theaterk.com.

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