Das Schrittmacher-Tanzfestival in Aachen

Abschluss des Schrittmacher-Tanzfestivals : Überschäumende Lebensfreude, tiefe Melancholie und Lust an der Lust

Zum Abschluss des Schrittmacher-Festivals erkundet das Spellbound Contemporary Ballet das Leben von Gioachino Rossini. Die experimentierfreudige Truppe – fünf Tänzerinnen, vier Tänzer – beweist mit Esprit, dass die Rossini-Gene noch lebendig sind.

Mit üppigen tänzerischen Fantasien geht an diesem Wochenende nach 34 sehr unterschiedlichen Abenden in Aachen, Heerlen, Kerkrade und Eupen das Tanzfestival Schrittmacher zu Ende. In der Fabrik Stahlbau Strang in Aachen erweckt das italienische Spellbound Contemporary Ballet unter der Leitung von Mauro Astolfi, der die Companie 1994 gründete, das musikalische Werk von Gioachino Rossini (1792-1868) zum Leben, wobei sich unter „Rossini Ouvertures“ noch zwei Arien mischen.

Überschäumende Lebensfreude und tiefe Melancholie, verbunden mit einer glühenden Lust an der Lust sowie an gutem Essen waren prägend für das Leben des Komponisten, der in seiner Zeit als Superstar gefeiert wurde. Das erzählt die Choreografie von Mauro Astolfi in starken Bildern und mit Spielereien mit den unterschiedlichsten Tanzstilen – vom klassischen Tanz über Pantomime und dem hemmungslosen und gern auch mal obszönen Treiben der Commedia dell‘arte bis hin zum leidenschaftlichen Modern Dance mit akrobatischen Elementen.

Kraft und Eleganz, die Fähigkeit, die kompliziertesten Hebe- und Verwicklungsfiguren luftig leicht wirken zu lassen und gleichzeitig schauspielerisch präsent zu sein: Das alles zeichnet diese Companie aus. Pure Unterhaltung: die temperamentvoll überzeichnete „Barbier“-Szene, bei der man nicht in die Nähe des Rasiermessers kommen möchte.

Einer der Tänzer verkörpert mehr und mehr den Charakter des von sich und anderen getriebenen Komponisten, wobei als Bühnenbild eine Kassettenwand aus braunem Holz (Bühnenkonzept Mauro Astolfi/Marco Policastro) mit erstaunlich vielfältigen Einsatzmöglichkeiten dient. Die Fächer sind unterschiedlich groß, ein Teil lässt sich herausschieben und mühelos wieder verschließen. Tür auf, Tür zu – eine neue Inspiration, eine Sünde, eine Sehnsucht, ein Mädchen, eine Spielerei, ein verbotener Gedanke.

Und dazu Rossinis üppige Musik, die spritzig und witzig, militärisch, frech und fordernd daherkommt, aber zudem in elegische Tiefen schwingen kann. Die Truppe ist körperbetont gekleidet (Kostüme: Verdiana Angelucci), mit leichten Anklängen an die Zeit des Komponisten. Mieder, ein paar Rüschen, enge Strumpfhosen.

In gut 80 Minuten wird mehr und mehr klar, dass die Leichtigkeit zunehmend schwere Gedanken und Zweifel überspielt. Nachdem sich im Bett des Komponisten allerhand Volk getummelt hat, bleibt er fast nackt allein, versinkt in quälende Träume.

Ein Schatten materialisiert sich zum Peiniger und dauerhaften Begleiter – bewegend von einer der Tänzerinnen umgesetzt, die manchmal fast unsichtbar an ihrem Opfer klebt, es umgarnt, Momente der Zärtlichkeit unterläuft, ihm sogar das Essen verdirbt. Angst beherrscht ihn, das Getümmel der lockeren Gefährten wird ihm zur Pein.

Hier ist Tanz im besten Sinne Theater und erinnert bisweilen sogar an Mozarts dunklen Helden Don Giovanni. Schnell wird ein neues Fach in der großen Wand geöffnet, verschwindet etwas darin, taucht Neues auf. Manchmal ist der Schrank einfach nur beunruhigend leer.