Programm vorgestellt: Das bringt die neue Spielzeit am Theater Aachen

Programm vorgestellt : Das bringt die neue Spielzeit am Theater Aachen

„Held*innen“ stehen im Mittelpunkt der der neuen Spielzeit am Theater Aachen – nicht die großen, starken Krieger, die mit dem Schwert in den Kampf ziehen. Sondern die, die mit Mut, Verstand und Herz Heldentaten vollbringen.

Schwerter dürften ohnehin keine tragende Rolle spielen, sollen die Stücke doch Auseinandersetzung mit der heutigen Zeit und ihren Problemen bieten, wie Generalintendant Michael Schmitz-Aufterbeck sagt. Das heißt auch: Heldinnen müssen eine ebenso große Rolle spielen wie Helden. Bei klassischen Stoffen müsse man da etwas nachhelfen, sagt Schauspielchefin Inge Zeppenfeld. Während der Held per Definition als „kriegerisch“ gelte, zeichne sich die Heldin traditionell durch ihre Opferbereitschaft aus. Im Programm sollen dagegen nicht nur Johanna von Orléans und Pochahontas zu zeitgemäßen Heldinnen gemacht werden, sondern auch Rollenklischees hinterfragt und umgedreht werden.

Los geht’s: Am 15. September mit dem ersten Teil von Wagners „Ring der Nibelungen“ in einer Fassung vom Theater an der Wien. „Hagen. Der Ring – Teil 1“ sowie „Siegfried“ (Teil 2) und „Brünnhilde“ (Teil 3) erzählen das Epos nicht aus Sicht der Götter, sondern aus der Perspektive der menschlichen Helden. Christopher Ward arrangiert die Neuerzählung des Rings, die Wagners Musik neu anordnet, mit einem reduzierten Orchester und über drei Spielzeiten gestreckt.

Musiktheater: Vor allem um sich selbst drehen sich die – eher als Antihelden zu bezeichnenden – Protagonisten in Jules Massenets „Werther“ und Tschaikowskis „Pique Dame“. Eher zweifelhafter Methoden bedient sich der Barbier „Sweeney Todd“ in Stephen Sondheims Musical: Mit dem Rasiermesser rächt er den Tod seiner Frau. Mit Cavallis Oper „La Calisto“ setzt das Theater den Barockschwerpunkt fort.

Schauspiel: Menschen, die bestimmt nicht zu Helden geboren sind, aber Helden werden müssen – das beschreibt die Protagonisten im Stück „Noch ist Polen nicht verloren“ (nach Lubitschs Film „Sein oder Nichtsein“), die von der Wehrmacht überrascht werden und im Theater eine Widerstandsgruppe bilden müssen, gut. Ein eher untypischer Held ist auch Mogli im Dschungelbuch, ebenso Giraudouxs „Irre von Chaillot“, die Paris vor den Zerstörungsplänen geldgieriger Spekulanten retten muss. Auch für Protagonisten, bei denen man diskutieren kann, ob sie nun auf die helle oder dunkle Seite gehören, ist Platz: „Lazarus“, David Bowies vom Himmel Gefallener, sehnt im gleichnamigen Musical drogenvernebelt das Ende seines Lebens herbei. Ein Frauentrio simuliert in „Demut vor deinen Taten Baby“ Terroranschläge, um den „Opfern“ ein Gefühl euphorischer Erleichterung zu verschaffen, wenn sich alles auflöst. Und ein unterbezahlter Paketbote mit rechten Ansichten legt sich in „Furor“ (Lutz Hübner und Sarah Nemitz) als „Vertreter der Abgehängten“ mit einem Lokalpolitiker an. Bewusst freigehalten wird eine Position im Programm des Mörgens. Ab Januar soll hier ein aktueller Stoff Platz finden.

Regie: Ganz unbekannt ist dem Aachener Publikum keiner der Regisseure, die in der kommenden Spielzeit inszenieren. Einige kommen nach einer Abstinenz zurück, so zum Beispiel Tanja Krone, die in der Kammer „Kurze Interviews mit fiesen Männern“ nach Stories von David Foster Wallace inszenieren wird. Jan Langenheim, der in Aachen unter anderem „Frühstück bei Tiffany’s“ und „Homo Faber“ inszeniert hat, bringt Elfriede Jelineks „Abraumhalde“, eine Überschreibung von Lessings „Nathan“ in die Kammer. Im Mörgens inszeniert erstmals die bisherige Regieassistentin Lisa Heinz.

Wiederaufnahmen: Zurück auf die Bühne kommt das Solostück „All das Schöne“ von Duncan Macmillan, der Kafka-Klassiker „Die Verwandlung“ und das im vergangenen Jahr in Aachen uraufgeführte „Zur Hölle mit den anderen“ von Nicole Armbruster.

Familienstück: Auch junge Theatergänger sollen ihre Helden bekommen: Im „Zauberer von Oz“ muss Dorothy mit Mut, Erfindergeist und Empathie den Weg zurück nach Hause zu finden. Die Familienoper von Anno Schreier wird im Dezember uraufgeführt. Jenke Nordalm inszeniert „Das Dschungelbuch“. Das war 2011 zuletzt im Programm, doch inzwischen gebe es eine komplett neue Schülergeneration, für die die Themen der Geschichte weiterhin aktuell und spannend seien, sagt Zeppenfeld. „Es geht um ein gefährdetes Biotop, um Anfeindung und darum, wer wo leben darf.“

Projekte und Kooperationen: Was für das Viertel gut ist, kann für Europa nicht schlecht sein. Gemeinsam mit dem freien Brachland-Ensemble entwickelt das Theater ein interaktives Planspiel. Im Depot an der Talstraße soll es unter dem Titel „Lokal Europa“ um die Anliegen der Bürger in Aachen Nord gehen – und was diese mit Europa zu tun haben. Noch einmal explizit mit der Rolle der Frauen nicht nur im Theater, wird sich ein Festival mit Aufführungen, Diskussionen und Lesungen auseinandersetzen. Der Termin steht noch nicht fest. Fortgesetzt wird die Zusammenarbeit mit dem Parkstad Limburg Theater. Von Aachen aus starten Busse zu vier Tanzproduktionen in Heerlen.

Spielzeitheft: Klein, kompakt – und künstlerisch wertvoll. Das neue Spielzeitheft liefert nicht nur den Überblick über Produktionen, Preise, Veranstaltungen und Regularien aller Art, sondern besticht auch durch die Arbeiten des in Syrien geborenen Künstlers Mo Makhtar, der 2015 nach Deutschland kam und nun in Aachen lebt. Er hat auf die verschiedenen Theatergattungen und -projekte mit einer je eigenen künstlerischen Sprache reagiert – inspiriert und ausdrucksvoll.

Zahlen und Preise: Dass viele Theatergänger die Erhöhung der Ticketpreise zur Spielzeit 2018/2019 um rund zehn Prozent als „drastisch“ empfunden haben, ist dem Intendanten nicht entgangen. Der Effekt ist bedenklich: Mit konkreten Zahlen kann und will er noch nicht aufwarten, aber die Prognosen zeigten, dass die Auslastung in der ablaufenden Spielzeit nicht so hoch sein werde wie in den Jahren zuvor. Schmitz-Aufterbeck plädiert nun nicht dafür, die Preise direkt wieder zu senken, sondern für ein neues Abo- und Preissystem. „Darüber müssen wir dringend nachdenken.“

(kt)
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