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Aachener Das Da Theater und der Super-GAU in Tihange

Kostenpflichtiger Inhalt: „Die Wolke“ im Aachener Das Da Theater : Kampf ums nackte Überleben nach Tihange-GAU

Ein spannendes und überaus bewegendes Lehrstück: „Die Wolke“ im Aachener Das Da Theater nach dem Roman von Gudrun Pausewang zeigt die Folgen eines Super-GAU in Tihange.

Die brennenden Augen, die fahle Haut, die ausfallenden Haare. Wer „Die Wolke“ nach dem Roman von Gudrun Pausewang im Aachener Das Da Theater erlebt, ist tief erschüttert. Theaterleiter und Regisseur Tom Hirtz hat eine Bühnenfassung des Romans geschrieben, die dem Werk, das die inzwischen 91-jährige Autorin nach der Katastrophe von Tschernobyl 1987 veröffentlichte, eine dramatische Fortsetzung gibt. In dieser Form hat es noch keine kritische Stellungnahme zum Risiko durch die beiden belgischen Atomkraftwerke Tihange und Doel gegeben.

Das Setting: Im 65 Kilometer von Aachen entfernten Tihange kommt es zum Super-GAU. Eine radioaktive Wolke zieht Richtung Deutschland – das Grauen, das alles aushebeln wird, was zivilisiertes Zusammenleben ausmacht, ist nah.

Erzählt wird die Geschichte der 14-jährigen Hannah – teils von ihr selbst, teils in einer Spielhandlung. Sie wohnt mit Eltern und Bruder in Roetgen. Als der Alarm kommt, ist sie in der Schule, kann aber noch zurück nach Hause. Vater und Mutter sind in Lüttich unterwegs. Sie will mit dem Bruder nach Aachen, um mit dem Zug Richtung Hamburg zu fliehen. In dieser Zeit lernt sie schmerzlich, dass Humanität und Hilfsbereitschaft in so einem Fall nicht mehr selbstverständlich sind, dass Menschen sogar töten, um sich zu retten.

Frank Rommerskirchen hat eine langgezogene Bühne gebaut und überzieht das Publikum mit „Strahlung“ – ein Beamer sorgt dafür, dass die dünnen Fäden wie Laserstrahlen glühen. Zunächst liefert ein riesiger Rapsfeld-Vorhang Lokalkolorit, dann stehen 16 Figuren dort, die dem Publikum den Rücken zukehren – Geflüchtete, Tote, Gezeichnete. Häufig „verschwinden“ die Akteure in diesem Wall aus Schaufensterpuppen und erstarren. Über der Bühne erscheint eine Karte: Tihange, Lüttich, Aachen, Roetgen – alles schrecklich nah.

Der Reaktorunfall löst den Kampf ums nackte Überleben aus. In seiner Regie sorgt Hirtz für eine klare Linie. Die Dramatik liegt im Spiel der Akteure, in den Emotionen, der Angst, der Panik, der Starre. Später dann auch in Brutalität und Ignoranz. „War doch gar nicht so schlimm“, sagen Hannahs Großeltern, die dem GAU auf Mallorca entgangen sind. Und Hannah? Sie schweigt. Ein sensibler Moment.

Die grandiose Caroline Siebert verkörpert eine Hannah, die zur Reife gezwungen wird, die dabei Mädchen bleibt, überlebt und doch gebrochen wird, ein plötzlich altes Kind. Das Ensemble aus Cornelius Engemann, Franka Engelhard, Madeline Hartig und Mehdi Salim skizziert in verschiedenen Rollen schnell und drastisch die teils rührenden, teils abstrusen Reaktionen im Umfeld.  Hirtz gelingt eine schnörkellose Sachlichkeit, die trotzdem bewegt. Da wirkt nichts aufgesetzt; man leidet als Zuschauer mit und begreift: Ja, so kann es uns passieren. Ein spannendes Lehrstück, ein wichtiger Theaterabend.