1. Kultur

Aachen: Theater mit Lounge und im Zelt

Aachen : Theater mit Lounge und im Zelt

Die beste Ecke eines Flughafens oder Hotels heißt für gewöhnlich „Lounge” - das ist dort, wo man in anheimelnder Atmosphäre die Beine lang streckt und sich mit Flüssigem erfrischt.

Eine solche Lounge peilt nun auch Aachens neuer Generalintendant Michael Schmitz-Aufterbeck für sein Haus an - und das ist nur eine von einer ganzen Reihe an Veränderungen, die das Publikum mit dem Beginn der kommenden Spielzeit erleben wird. Das reicht bis hin zum Theater im Zelt - mit Pferdestallgeruch!

Neue Besen kehren gut - Schmitz-Aufterbeck führte uns durchs Theater und zeigte, wo die hauseigenen Handwerker überall zupacken werden.

Bar wird verlegt

Das Spiegelfoyer im ersten Stock sticht mit seiner tristen Atmosphäre dem ehemaligen Luzerner Operndirektor ganz besonders ins Auge. „Die Bar wird verlegt in den Säulenbereich”, sagt er. Und der fiese Teppichboden fliegt raus. Mehr Platz soll her für eben jene „Lounge”, die mit lederbezogenen Sofas - preisgünstig gebaut von den eigenen Handwerkern - einen möglichst angenehmen Aufenthalt garantieren soll. Um zum Beispiel beim Wein kleinen musikalischen Aufführungen oder Literaturlesungen zu lauschen.

Der Intendant hat viel vor in diesem „aufgewerteten Raum”, wie er sagt. Eine freitagliche Gesprächsreihe mit „Menschen aus Aachen”, Tanz mit Tango, Salsa und Gesellschaftstänzen, Feiern, Feste, Partys, im Januar ein Maskenball - der erklärte „Rheinländer” Schmitz-Aufterbeck will aus der Theater-Lounge eine feste Adresse für Kulturveranstaltungen unterschiedlichster Art machen.

Sponsoren sollen sich hier bei speziellen „Events” genauso wohlfühlen wie Gäste und Organisationen, die den Raum ganz einfach mieten können. Praktischer Nebeneffekt: „Eine zusätzliche Einnahmequelle für unser Haus”.

Die Öffnungszeiten werden erweitert, künftig kann man sich bereits eine Stunde vor Vorstellungsbeginn einen genehmigen oder den erklärenden Worten einer Werkeinführung zuhören.

Stichwort Werbung: Schmitz-Aufterbeck will weg von „Stück-Plakaten” hin zur „kontinuierlichen Wiedererkennbarkeit” im Erscheinungsbild. „Bei unbekannten Stücken ist ein Stück-Plakat sowieso vergebene Liebesmüh”, sagt er und setzt auf klare, fotografisch orientierte Werbung für das Theater als Ganzes.

Überhaupt sollen die theatereigenen Druckwerke äußerlich und inhaltlich so gut lesbar werden wie eine Tageszeitung. Eine eigene Theaterzeitung, verspricht Schmitz-Aufterbeck, wird keine hochgestochenen Dramaturgentexte enthalten, sondern auf „sinnliche Weise” mit vielen ansprechenden Fotos Lust auf Theater machen.

Die Grundidee der neuen Programmhefte: „Sie sollen einen Zehn-Minuten-Einstieg in die Produktion bieten.” So wird neben Besetzung und Stückinhalt erstmals auch vor der Vorstellung verraten, was der Kernpunkt der Inszenierung sein soll. - Damit weiß der Besucher am Ende wenigstens, wies gemeint war...

Garderobe und Programmhefte müssen nicht mehr extra bezahlt werden. Wenn das Ticket am Eingang abgerissen ist, entfallen weitere Kosten.

Entrümpeln heißt das Motto: In den Kammerspielen zeigt Schmitz-Aufterbeck auf die Bühneneinfassung, das „Portal” - „Überflüssig!” Der Rahmen, der hier einen Theaterraum nur simuliert, wird abgerissen, „damit eine offene Raumbühne entsteht”. Das soll ganz neue Möglichkeiten eröffnen: „Zum Beispiel auch auf der anderen Seite der Bühne Sitzreihen aufzubauen.”

Dem Mörgens soll Dramaturg und Regisseur Thomas Fiedler ein neues Profil verleihen. Das erste spektakuläre Projekt entsteht dabei mit den Architekten und Studenten der RWTH, die gerade dabei sind, eine architektonische Zukunftsvision für das Ostviertel in Aachen in einem großen Modell zu entwerfen. Teile daraus werden dann auf die Wand projiziert.

Diese Bilder stellen wiederum die Kulisse dar für Szenen mit fiktiven Figuren, die sich in dieser zukünftigen Stadtlandschaft bewegen. Drei junge Autoren entwerfen die Handlung, und so wird es eine Fortsetzungsserie geben mit zunächst drei Uraufführungen - quasi die „Lindenstraße” im Kleinen.

Die absolut größte Umgewöhnung kann der Theaterfreund gleich zu Spielzeitbeginn erleben: Dann nämlich gehen „Anna Karenina”, „Otello” und „Die rote Zora” in einem Vier-Mast-Zelt auf dem CHIO-Gelände über die Bühne, gemietet bei einem örtlichen Zeltverleiher. 860 Plätze wird der Textilbau fassen, aufgebaut zwischen Reit- und Springstadion - und das Orchester passt für „Otello” auch noch hinein.

Am 18. September startet hier die Saison mit einem Theaterfest aller Aachener Bühnen - um 16 Uhr fürs kleine, um 20 Uhr fürs große Publikum. Und wenn an diesem Tag die Bundestagswahl stattfindet, dann gibt es zwischen 18 und 20 Uhr im Zelt auch noch eine Wahlparty.

Grund des vorübergehenden Umzugs ist die überfällige Erneuerung der maroden und unsicheren Bühnentechnik im Großen Haus, das vom 10. Juli bis zum 14. Oktober geschlossen wird. Am 12. November heißt es hier wieder: Vorhang auf zu einem Neuanfang im Zeichen von Michael Schmitz-Aufterbeck!