Aachen: Theater Aachen: Schillers Räuber mit Hard-Rock-Klängen

Aachen: Theater Aachen: Schillers Räuber mit Hard-Rock-Klängen

„Ungeheuer Mensch“ — der Song hat es in sich, die wilden Kerle und ihr Anführer spucken ihn der Gesellschaft vor die Füße. Mit ihrer Inszenierung von Friedrich Schillers Schauspiel „Die Räuber“ für die Bühne des Aachener Theaters rückt Ewa Teilmans ab vom edel-aufrührerischen Gestus dieses Schlüsselwerks des Sturm und Drang.

Franz Moor, der intrigante Böse? Karl, der irregeleitete Gutmensch? Sein Vater der betrogene Herrscher? Amalia, die tapfere Braut? Nein, so einfach ist das in Aachen alles nicht. Das Stück um die beiden Brüder wird in über drei anstrengenden Stunden seziert. Der eifersüchtige, jüngere Bruder des Grafen trickst den älteren Liebling des Vaters aus. Zum Schluss sind nahezu alle Hauptpersonen tot. Der eine schaukelt blutend an einer riesigen Axt, der andere überantwortet sich dem Henker. Der Weg dorthin ist schmerzhaft.

Im grandiosen Bühnenbild von Oliver Brendel bieten sich variable Handlungsräume. Eine verschiebbare Wand lässt die Räuber (stimmige Kostüme von Andreas Becker) samt ihrer brachialen Hard-Rock-Band auftauchen und verschwinden, vereinfachte Cartoon-Zeichnungen über den Szenen signalisieren die Handlungsorte — Wald, Schloss — und die Hauptpersonen. Ein guter Schachzug ist die Einbindung der Band Katortz mit Stefan Schwartz, Toshi Trebess und Karsten Nordhausen als perfekte schmutzig-wüste Räuber, stark zudem in den Sprechchören.

Die Durchschlagkraft ihrer Musik (Texte Ewa Teilmans) prägt diese Inszenierung. Liebessehnsucht und -entzug lösen blindes Wüten aus. Die Situation läuft schrecklich aus dem Ruder. Alexander Wanat ist ein introvertierter Franz mit Cello, man spürt dessen Not und sieht die Tücke im Blick: Gefühlskälte, die nur Sadismus durchdringt. Philipp Manuel Rothkopf ist als Karl ein Gewalttäter wider Willen — dann allerdings einer, der alles tut, was er lieber lassen sollte. Er bewältigt den Zwiespalt mit großer Darstellungskraft.

Rainer Krause erspart dem Grafen-Vater nicht die Mitschuld, ein weinerlicher Alter. Zum Schluss ein erbärmlicher Lazarus, der ins Grab kippt. Ewa Teilmans lässt starke Nebenrollen zu, den eifersüchtigen Spiegelberg (Björn Jacobsen), der sich jedoch zu oft in den Schritt greift, den liebenswerten Daniel (Hermann Killmeyer), ein alter Diener. Torsten Borm als demontierter Pater macht eine Menge mit, Amalia (Petya Alabozova) durchläuft eine Wandlung vom Mädchen, das träumerisch ein Lied (Komposition Anno Schreier) singt, zur zornigen Femme fatale.

Wer nach dem ersten zähen Teil des Abends das Theater erschöpft verlässt, verpasst einen furiosen Show-Down mit Tempo und Feuerzauber. Alles bricht zusammen, keiner gewinnt. Ewa Teilmans bietet eine intensiv gearbeitete Inszenierung, die Vorbereitung verlangt — auch vom Zuschauer. Sie ist ein Gesamtkunstwerk, klug, emotional, unkonventionell, Sturm und Drang heute.

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