Aachen: Theater Aachen: „Die Präsidentinnen” in der Kammer

Aachen: Theater Aachen: „Die Präsidentinnen” in der Kammer

Schon wieder ein Klo verstopft. Ja, da muss die Mariedl ran, sich opfern für die Drückenden und Bedrückten, und sie machts „auch ohne”. Ohne Gummihandschuhe nämlich. Nadine Kiesewalter sitzt in einem Plüschsessel, hat als Mariedl die Ärmel ihrer schäbigen Blümchenbluse hochgeschoben, und Nadine Kiesewalter machts mit.

Mit aller schauspielerischen Finesse durchwühlt sie die große Kloputzfrauenerzählung, einen monströs-virtuos anschwellenden Drecksgesang: erst mädchenhaft-naiv, dann - drei grundgereinigte WC-Schüsseln und einige grenzdebile Zuckungen weiter - zunehmend emphatisch, bis es sie in einem akuten Schub aus dem Sessel reißt, ein verklärter Blick aus fiebrig-bleichem Gesicht gen Himmel schießt, und sie sich als das heilige Mariedl der Aborte der Jungfrau Maria entgegenfliegen sieht. Vom Pott zu Gott.

In den Plüschsesseln nebenan kommt die Himmelfahrt aus tiefsten Tiefen nicht gut an. Sehen sich doch Bettina Scheuritzels resolute Pensionistin Erna und XXL-Busenfreundin Grete, gespielt von einer grandiosen Elisabeth Ebeling, die gnadenlos alle Widrigkeiten des Lebens mit grell geschminktem Mund weglächelt, in den eigenen Träumereien gestört. Und die kreisen um Leberkäs- und Erna-Verehrer Karl Wottila sowie den feschen Freddy, der so gerne den Finger „in das Schatzkisterl von der Grete”, deren Hintern, steckt.

Wie ein Blitz aus heiterem Himmel fuhr der Grazer Autor Werner Schwab zu Beginn der 1990er-Jahre in die Theater ein, wurde der meistgespielte Jungdramatiker auf deutschsprachigen Bühnen - und starb in der Silvesternacht 1993/1994 mit 35 Jahren und 4,1 Promille. Wie sehr zu Unrecht er kaum noch aufgeführt wird, stellen „Die Präsidentinnen” in der Aachener Kammer eindringlich unter Beweis. Regisseur Roland Hüve verzichtet auf großen Aktionismus, konzentriert sich auf die Sprache, betont in der 1970er-Jahre-Kleinstbürgermief-Installation von Petra Maria Wirth das Artifizielle des Textes und lässt so großes Schauspielerinnentheater entstehen, das bitterböse, tieftraurig und knallkomisch in Schwabs unverwechselbarem Kunstdialektsprech Tod, Sexualität, Religion und Exkremente vermengt und keine andere Möglichkeit mehr sieht, als diesen Lebens-Schlamassel auszusitzen. Riesenapplaus.

„Die Präsidentinnen” ist noch am 28. September, 6., 10., 13., 17., 23. Oktober, 2., 16., 24., 27. November, 4., 15., 22. Dezember, 18. und 22. Januar in der Kammer zu sehen.