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Düsseldorf: Teure Autos nach Osten, Lungen und Lebern retour

Düsseldorf : Teure Autos nach Osten, Lungen und Lebern retour

Harald Schmidt hätte vielleicht müde gegriemelt. Klar, weiß man doch. Die Polen sind schrecklich scharf auf deutsche Luxus-Schlitten.

Aus solch nationalen Klischees hat der Berufszyniker oft genug seine Witzchen gebastelt. Der polnische Autor Andrzej Stasiuk baute daraus nun leider ein ganzes Theaterstück.

Bisher als Romancier und Essayist aufgefallen, gab der Mittvierziger mit dem grotesken Requiem „Nacht” am Düsseldorfer Schauspielhaus sein Debüt als Dramatiker.

Die „slawo-germanisch medizinische Tragikfarce” entstand als Koproduktion mit dem Stary Teatr Krakau.

Vier polnische Schauspieler und acht deutsche vertonen (sehr variabel) und illustrieren (weniger wandelbar) Stasiuks gewollt provokative These: „Der Osten braucht Sachen, der Westen braucht Blut.”

Autoklau und Organhandel florieren. Teure Wagen und Brillanten wandern aus dem westlichen Konsumparadies nach Osten,

Lungen und Lebern von der Körperplantage retour. Keine differenzierten Charaktere, sondern namenlose Typen verkörpern diesen kriminellen Grenzfall: Ein deutscher Juwelier erschießt einen polnischen Autodieb.

Der geistert fortan als Leiche durchs Stück, diskutiert mit seiner entfleuchten Seele und hört sein Herz weiter schlagen - ausgerechnet im Leib des rebellierenden Wessis.

Neben diesen erkennbaren Figuren dominieren Chöre, recht uniform gekleidet, die Frauen in dunkelgraue Mäntel gehüllt, die Männer in schwarze Jacken und Hosen.

Regisseur Mikolaj Grabowski, Intendant des Stary Teatr, inszeniert ein ordentliches Oratorium. Chorisches Sprechen, Lob- und Klagegesänge wechseln sich ab, in deutscher und polnischer Sprache. Die Übertitel rauschen nur so vorbei.

Karger Bühnenraum

Szenisch erinnert die Uraufführung ein bisschen an das „arme Theater” des berühmten polnischen Regisseurs und Theaterpädagogen Jerzy Grotowski.

Ein karger schwarzer Bühnenraum ohne Kulissen, nur zu Beginn steht dort eine Mauer, durch die sich krachend ein schwarzer BMW bohrt. Später baumeln Laken an einer Leine quer über die Bühne. Flatternd grüßt die Brecht-Gardine.

Und ziemlich episch-didaktisch zeigefingert es auch. Nicht richtig böse, nicht wirklich unverschämt. So penibel unkorrekt, dass es in seiner Penetranz schon wieder äußerst korrekt daherkommt. Schwarz und weiß wie die Bühne.

Denn vorne glänzt der OP: Aneinandergeschmiegt im Krankenbett teilen sich Deutscher und Pole dort am Ende brüderlich die Decke. Doch werden sie am nächsten Tag aufwachen?

Als Provokation taugt das Stück nicht. Und macht es einen vertrauter mit der Mentalität der Nachbarn? Wohl kaum. Als Erlebnis für die Zuschauer ist diese 70-minütige „Nacht” wenig erhellend.

Aber vielleicht funktioniert ja das Theater als Medium der Völkerverständigung, als Insel der Integration. Zumindest die Theatermenschen scheinen sich etwas näher gekommen zu sein. Im Programmheft schildern sie - und das viel spannender als das Stück - ihre persönlichen Erfahrungen beim Kennenlernen des Fremden. Theater - ganz im Sinne von Grotowski - als Herausforderung, die stereotypen Sichtweisen und genormten Urteile zu überschreiten?

Beim starken Applaus darf der Autor die Theaterfamilie jedenfalls herzen. Stasiuks dramatisches Herzstück ist Auftakt der Düsseldorfer Reihe „Das neue Europa”. Und die „Nacht” wandert gen Osten: eine lobenswerte europäische Sache. Im Februar erblickt sie in Krakau das Bühnenlicht.