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Aachen: Tenor Willy Schell seit 25 Jahren am Theater Aachen

Aachen : Tenor Willy Schell seit 25 Jahren am Theater Aachen

Ein seltenes Jubiläum feiert in diesen Tagen ein Aachener Künstler, der mit Fug und Recht von sich behaupten kann, zu einer aussterbenden Spezies zu gehören.

Der Tenor Willy Schell ist am 16. August auf den Tag genau seit 25 Jahren ununterbrochen am Theater Aachen engagiert - und damit am zweitlängsten nach Heino Cohrs, Senior im Schauspielensemble.
In Gießen hat ihn Maßmann entdeckt

Nachdem die Intendanten in Aachen sich bei ihrer Einstellung gegenüber der Stadt verpflichten müssen, die Engagements so zu befristen, dass kein Künstler am Theater den Status des „Unkündbaren” erreicht, wird hier auf Dauer kein Sänger oder Schauspieler Willy Schell als langjährigem Wahl-Aachener nachfolgen können.

1977 sang er gerade den Belmonte in der „Entführung aus dem Serail” in Gießen, wo es der Zufall wollte, dass zur gleichen Zeit die Tochter des Aachener Intendanten Peter Maßmann als Schauspielerin beschäftigt war, die ihren Herrn Papa eines Tages auf einen stattlichen Tenor aufmerksam machte... Nach einem Opernbesuch engagierte Maßmann Willy Schell vom Fleck weg - und kam damit seinem Kollegen aus Augsburg zuvor.

Auf sagenhafte 3000 Auftritte hat er es bis heute gebracht, seit Vertragsbeginn in Aachen sind 51 Opern-, 29 Operetten- und zwei Musical-Partien für ihn zusammengekommen. Beachtliche Zahlen und ein breites Repertoire - indessen: Willy Schell blickt in aller Bescheidenheit darauf zurück, denn er weiß: „Ohne das Publikum sind wir allesamt nichts.”

Das waren noch Zeiten damals: „Als ich anfing, habe ich in drei Operetten pro Spielzeit gesungen.” „Der Geschmack hat sich über die Jahre doch sehr stark gewandelt, wie überhaupt so vieles”, resümiert Willy Schell. Manche Operette wäre heute im übrigen gar nicht mehr zu besetzen: „Der Tanzbuffo als ganzes Fach ist ausgestorben.”

Viele Angebote von größeren Häusern haben ihn erreicht, doch er sagte sich lieber: „Besser in Aachen in der ersten Reihe zu singen als in Köln in der dritten.” Und dabei graben sich dem gertenschlanke 63-Jährigen seine typischen Lachfalten noch eine Spur tiefer ins verschmitzte Gesicht.

Willy Schell - das ist ist Humor pur. Gefragt, was seine Lieblingspartie war, kommt nach kurzer Überlegung die Antwort: „Der ,Narraboth in der ,Salomé.

Da ist man nach 40 Minuten fertig, liegt tot danieder und kann nach Hause gehen.” Keine Frage, dass ein solcher Vorteil den Mitsängern auch schon mal ein Dorn im Auge sein kann...

Einmal, erzählt er die Anekdote, haben sich die Kollegen gerächt und ihn als „toten” Narraboth nur so weit von der Bühne abgezogen, dass die Beine immer noch zu sehen waren. „Da habe ich lange gebraucht, um langsam wegzurobben.”

Ein anderes Mal ist bei der Gelegenheit sein Fuß im Drahtgeflecht einer Zisterne hängen geblieben, dass die Kollegen ihn nicht wegschaffen konnten...

Willy Schell ist stets zu Späßen aufgelegt und lacht gern. Vor fünf Jahren bekam der „Pavarotti von der Wurm” von der Aachen-Stadtredaktion unserer Zeitung den „Mullefluppetpreis” verliehen - für seine Schlitzohrigkeit: Da hatte er doch tatsächlich als Blaubart seine Arie „umgedichtet”, um auf offener Bühne die Sparwut im Kulturbereich anzuprangern. In kritischen Dingen sagt er seine Meinung frei heraus. Als Personalratsvorsitzender - seit 1996 - versteht er sich als ein Mann des Ausgleichs.

Jonglieren zwischen Tarifen und Noten

Für ihn als Künstler eine eigentümliche Berufung, an die er aber seit langem gewöhnt hat, und so jongliert er zwischen Klavierauszug und Tarifvertrag, die er beide in der gleichen Mappe aufbewahrt...

Das Publikum darf sich freuen, Willy Schell zu Beginn der kommenden Saison in Kurt Weills Oper „Street Scene” wieder begegnen zu können, wenn er den Sam Kaplan gibt. Bei der Produktion hat er schon jetzt „ein gutes Gefühl”. Bis dahin aber fährt er mit seiner Frau Hannelore erstmal an die Adria...