1. Kultur

Maastricht: Tefaf: Hautnah an den Schätzen dieser Welt

Maastricht : Tefaf: Hautnah an den Schätzen dieser Welt

„Eigentlich dürfte es dieses Stück gar nicht geben.“ Stephan Redecker von der Galerie Neuse aus Bremen kann es selbst nicht glauben, was er da auf der Tefaf anbieten kann: eine gotische Tapisserie, 600 Jahre alt, in leuchtenden Farben.

„Und unbeschnitten. Sie befindet sich in einem unglaublichen Zustand.“ Quasi wie neu — ein absolutes Spitzenstück, und das immerhin in der Obhut der Mutter aller Kunst- und Antiquitätenmessen. Es stammt aus Flandern und wurde für den französischen Hof angefertigt. Der Preis? „Fünf Millionen Pfund.“ Der mögliche Käufer? „Das wissen wir noch nicht“, sagt Redecker. „Wahrscheinlich geht es aber wohl an ein Museum.“

 Skulpturen wie diese finden gerne ihre Liebhaber bei Sammlern aus aller Welt: Die Galerie Caylus bietet sie zusammen mit kostbaren Gemälden zum Kauf an.
Skulpturen wie diese finden gerne ihre Liebhaber bei Sammlern aus aller Welt: Die Galerie Caylus bietet sie zusammen mit kostbaren Gemälden zum Kauf an. Foto: Harry Heuts

Wer wohnt heute schon in einem Schloss? Und von schlosshafter Größe müsste die Wand schon sein, die der Wandteppich einmal zieren könnte. „Falkenbad“ heißt das Stück und zeigt den Moment, wie eine herrschaftliche Gesellschaft einen Falken an Wasser gewöhnt — eine Lektion in seiner Zähmung, um ihn für die Jagd tauglich zu machen.

Seit 20 Jahren nimmt die Galerie Neuse, namentlich die Geschäftsführer Achim Neuser und Volker Wurster, an der Tefaf teil. „Das ist ein großes Privileg“, meinen sie und erzählen, wie die Prüfungsprozedur jedes Mal abläuft. Die Tefaf beschäftigt allein 150 Experten aller Disziplinen, „die sich hier anderthalb Tage austoben“, sagt Achim Neuse. Sprich: Jedes einzelne Stück wird begutachtet, ehe die Messe losgeht — das garantiert die Qualität, die das internationale Publikum, sei es aus Kalifornien, Südamerika, Japan, China, dem Mittleren oder dem Fernen Osten Jahr für Jahr und oft genug mit dem eigenen Jet an die Maas führt. Während der Prüfung dürfen die Händler nicht anwesend sein. Bei 35.000 Objekten wie diesmal eine wahre Herkulesaufgabe.

Ein Zaungast schneit in den Stand herein, den man am besten als „Paradiesvogel“ bezeichnen kann: Eine Hirschfigur schmückt seine Kopfbedeckung, ein leuchtender Stern sowie eine Art Nest nebst floralem Zierrat. Auch das gibt es auf der Tefaf, die Galeristen sind hocherfreut über den unerwarteten Besuch und zücken ihre Kamera. Kaufen wird dieser Kunde wohl eher nichts, dafür wird ein Bild von ihm künftig das Tefaf-Fotoalbum um eine schöne Seltsamkeit bereichern.

Wir fragen den Mann, wer er ist. Als Antwort beehrt er uns mit seiner Visitenkarte: Benoit de Moffarts weist sie als seinen Namen aus. Beruf: „Stage Director, Clown Teacher, Therapeut, Medium“ aus Brüssel. Und Künstler, wie er versichert. Er setzt bei interessierten Probanden die im gemeinen Alltag unterdrückte Kreativität frei, meint er. Und: „Ich bin selbst eine Antiquität“ und zieht fröhlich weiter. Die Tefaf ist jedenfalls immer für eine überraschende Begegnung gut.

„Ein Prozent der Weltbevölkerung verfügt über so viel Vermögen wie der ganze Rest von 99 Prozent. Das ist schon unglaublich“, meint Galerist Neuse, mag sich über die ungleiche Verteilung aber nicht beklagen. Wie auch? „Ich kann es auch nicht ändern“, sagt er. „Ich habe Achtung vor jemandem, der mal eben eine Million für ein gutes Stück ausgeben kann. Der macht ja dann auch viel.“ Und er führt den Namen eines bundesweit bekannten Optikers an, der „gut ausbildet und für jedermann in seiner Kette preiswerte Produkte anbietet“. Soll der sich doch was gönnen.

Auf der „Bond Street“ — die Flure der Tefaf sind nach den berühmtesten Straßen der Welt benannt — kostet ein Glas Champagner zwölf Euro, wenn er blanc ist, der Rosé kostet 15; eine Flasche Mineralwasser sieben Euro. Geht doch. Dafür blickt man in ein wohlig stimmendes Meer von Frühlingsblumen — Tulpen ohne Ende. Und die netten Hostessen sind auch eine Augenweide.

Bei The Maas Gallery Ltd. begegnen wir einer Krötenfamilie — in Holz geschnitzt von einem Künstler mit nicht wiedergebbarem Namen. Verkauft! Das zeigt der rote Punkt auf dem Schildchen darüber an. Das Reptil kommt aus Japan, wiegt gut und gerne 200 Kilo und hat seinen Liebhaber schon gefunden. Den Preis dürfen wir nicht veröffentlichen, sagt der Galerist. So viel sei verraten: Er ist fünfstellig. Ein Schnäppchen angesichts der Millionenwerte ringsum. Man muss allerdings bei dem Objekt auch eine gewisse Affinität entweder zu Japan oder generell zu Krötenwesen haben.

Da sagt einem doch das Prachtstück bei Walter Senger aus Bamberg mehr. Es ist der Hammer: ein Hammerklavier von David Roentgen (1734-1807). „Es gibt nur fünf davon auf der ganzen Welt“, erklärt der Händler, dessen Familie seit über 40 Jahren im Herzen der Altstadt von Bamberg einen Kunsthandel betreibt. „Vier befinden sich in Museen wie in St. Petersburg, dies ist das Einzige, das sich noch im Handel befindet.“ Die Seltenheit hat ihren Preis — keine Frage: 2,5 Millionen Euro. „Das „Highlight der Tefaf“, mein Senger mit dem Nachdruck vollkommener Überzeugung.

Indessen: Mindestens jeder zweite Händler der Messe hat „das“ ultimative Highlight der Tefaf in der eigenen Koje stehen. „Koje“ ist dabei ein despektierlicher Ausdruck, hier passt er eigentlich nicht: Viele der Händler lassen sich ihren Stand von einem ausgewiesenen Experten für Inneneinrichtung gestalten und sich das auch richtig kosten. Aber es lohnt sich: Das Publikum ist verwöhnt — zumal ein großer Teil extra um die halbe Welt angereist ist.

„Hier kann man alles anfassen und von allen Seiten betrachten“, sagt Walter Senger, der sein 25-jähriges Tefaf-Jubiläum begeht. „Wenn die Messe vorbei ist, dann ist alles wieder auf der ganzen Welt verstreut.“

Schon Peter Ludwig gehörte zu seinen Kunden. „Er hat in Bamberg das alte Brückenrathaus gerettet und eine kulturelle Begegnungsstätte daraus gemacht.“ Eigentlich sollte daraus ein Dienstgebäude der Verkehrsbehörde werden. Dank Ludwig beherbergt es heute eine der größten Porzellansammlungen Europas. So existieren auch mit Aachen gewisse „Vernetzungen“ der Händlerschaft, wie man das heute auszudrücken pflegt.

„Gekauft wird mit dem Herzen“

Der gegenwärtige Trend gefällt Senger, der sein Geschäft gerade an den Schwiegersohn übergeben hat: „Alte Kunst steht wieder im Rampenlicht.“ Sie ist gefragt wie lange nicht, wenn sie auch nicht so horrende Preise erzielt wie manch zeitgenössisch Abstraktes. „Das wird doch bewusst von den Auktionshäusern gefördert“, erklärt er den Hype. „Da steckt viel Spekulation dahinter. Das kann aber auch sehr schnell zusammenbrechen.“ Ein Warhol für 60 Millionen Euro — wenn sich da nicht mancher verspekuliert hat. Sengers Überzeugung: „Alte Kunst, die kauft man mit dem Herzen. Moderne Kunst kauft man ohne Herz.“ Die klassische Moderne einmal ausgenommen.

Sein eigenes Herz schlägt auch für Altertümer, wunderbare vergoldete Pendulen, fürstliche Uhren aus vergangenen Jahrhunderten: Richard Redding aus Zürich. Bei ihm blinkt und tickt es in allen Ecken. Seine Prachtobjekte: drei fast meterhohe Porzellanvasen aus Meißen. König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen schenkte sie Herzog Georg II. von Sachsen-Meiningen und Prinzessin Charlotte, Tochter von Albrecht von Preußen und Prinzessin Marianne von Oranien-Nassau, 1850 zur Hochzeit. Die Vasen wurden nach Entwürfen von Karl Friedrich Schinkel gestaltet und zeigen unter anderem Abbildungen von Schloss Sanssouci und Schloss Babelsberg.

Am Dienstag war ein weiblicher Abkömmling der herzoglichen Familie bei Redding. „Sie war so glücklich, die Vasen noch einmal sehen zu können“, erzählt der Galerist. „Ein Schloss hat sie ja nicht mehr — nur eine kleine Wohnung.“ Adel vergeht — aber irgendwer hat immer Geld...