Szenisch schwach, musikalisch gut: „Samson et Dalila“ in Düsseldorf

Oper Düsseldorf : Von der Bibel ins Luxus-Bordell

„Samson et Dalila“ punktet in der Düsseldorfer Oper nur musikalisch. Regisseur Joan Anton Rechi, der auch in Aachen oft inszeniert hat, kann die Schwächen des Werks nicht neutralisieren.

Das „verfluchteste Luder, das die Erde trägt“, nannte Goethe sie. Dalila, die schöne Philisterin, die Samson die kräftespendenden Haarlocken raubt, ist im Laufe der Jahrhunderte von der biblischen Volksheldin zur gefürchteten Femme fatale mutiert. Eine Frau, die den stärksten Helden mit ihren sinnlichen Waffen zur Strecke bringen kann: Das sehen Männer nicht gern. Dass das einer Frau nur mit hinterhältigen Tricks gelingen kann: Das sehen Frauen nicht gern.

Camille Saint-Saëns macht es dem heutigen Publikum nicht leicht, sich mit den Rollenbildern seiner bekanntesten Oper „Samson et Dalila“ anzufreunden. Muss man auch nicht, meint Regisseur Joan Anton Rechi, der die Titelhelden in der Deutschen Oper am Rhein auf menschliche Formate zurechtstutzt.

Die kraftstrotzenden Kampfansagen des hebräischen Helden gegen die unterdrückenden Philister schwinden bereits beim ersten Anblick Dalilas. Sie strickt ihre Intrigen aus niederen Rachegelüsten. Schon in der Antike haftete man der Figur das Etikett einer Edel-Prostituierten an. Auf diesen Zug springt auch Rechi auf: Dalila leitet ein Luxus-Bordell. Ihr geht es nicht um den Machterhalt der Philister, sondern um eine persönliche Abrechnung mit Samson, der sie letztlich selbst zum Opfer fällt.

Sogar der christliche Gott zeigt Schwächen. Die Hebräer zweifeln in ihrem Elend an ihm. Als sie die Philister vorübergehend überwältigen können, agieren sie nicht weniger brutal und geldgierig als diese. Bei Rechi sind es nicht die Götter, die die beiden Völker trennen, sondern Weltanschauungen: Wenn bei den Philistern von Gott die Rede ist, ist damit die Anziehungskraft des Geldes und die Macht eines rücksichtslosen Turbo-Kapitalismus gemeint. Man wandelt in den schlicht-neutralen Dekorationen von Gabriel Insignares in dezenter Bürokleidung mit MP und Geldkoffern durch das Philister-Reich. Die spirituelle Kraft des christlichen Gottes weicht bei den Hebräern schnell einem ebenso profanen Denken.

Die Welt ist nicht zu retten, auch nicht durch Scheinhelden wie Samson. Das alles stellt Rechi recht klar dar, auch wenn in diesem Umfeld die Banalität der Handlung und des Librettos noch deutlicher zum Ausdruck kommt.

Die musikalische Polarisierung in eine sakral tönende Welt der Hebräer und eine exotisch-sinnlich gleißende der Philister erinnert stark an den „Tannhäuser“. Letztlich hört man jedoch den großen, aber aktionsarmen Chorpartien der Eckakte an, dass das Stück ursprünglich als Oratorium geplant war. Und der Umgang mit dem Orchester versprüht mehr französisches Kolorit als Wagnerschen Glanz.

Das sieht auch Generalmusikdirektor Axel Kober so, der vor allem die feinen Farben im philiströsen Lager mit den Düsseldorfer Symphonikern zart ausleuchtet, ansonsten aber wiederholt kräftiger zupackt als nötig. Das erleichtert Michael Weinius als Samson nicht gerade seine kräftezehrende Aufgabe. Gleichwohl steht er die Partie mit mehr als respektabler Kondition und tenoraler Strahlkraft durch.

Ramona Zaharia, die ihre Paraderolle Carmen demnächst an der New Yorker Met singen wird, bringt für Dalila alles mit: eine samtweiche, dunkel glühende, ausdrucksstarke Stimme, eine erlesene Legatokultur und eine Bühnenpräsenz der Extraklasse. Auf manches klischeebehaftete Detail, mit dem sie letzte Zweifel an ihrer Bestimmung zur Prostituierten ausräumt, hätte Rechi aber verzichten können.

Die dritte große Partie, den Oberpriester des Dagon, gestaltet Simon Neal mit ebenbürtiger Überzeugungskraft. Grandios füllt Sami Luttinen mit seinem substanzreichen Bass die kleinere Rolle des alten Hebräers aus. Da auch der Chor seine gewaltige Partie ohne Fehl und Tadel ausführt, punktet die Neuproduktion musikalisch auf ganzer Länge. Szenisch vermag Rechi die Schwächen des Stücks nicht zu neutralisieren. Begeisterter Beifall ohne Protest gegen das Regieteam.

Weitere Aufführungen: 23., 26. Oktober, 1., 6., 9., 16., 24., 27. November und 1. Dezember. Karten gibt es beim Kundenservice des Medienhauses Aachen.