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Aachen: Symphonie aus Dornröschenschlaf erwacht

Aachen : Symphonie aus Dornröschenschlaf erwacht

Das Unglaubliche wurde Ereignis: Die städtischen Symphoniekonzerte in Aachen finden nach jahrelangem Dornröschenschlaf wieder vor ausverkauftem Eurogress-Saal statt.

Und das hat ein Einziger auf Anhieb geschafft: Marcus R. Bosch, Aachens neuer Generalmusikdirektor, der sein Publikum offenbar im Sturm erobert hat.

Was sich bereits im ersten Konzert der neuen Spielzeit ankündigte, wiederholte sich im zweiten: ein gespanntes, erwartungsvolles Auditorium, ein mit größter Konzentration und Motivation spielendes Orchester und am Ende Begeisterungsstürme.

Vor dem für Aachens Musikleben in der heutigen Situation geradezu lebenswichtigem Phänomen eines ausverkauften Hauses haben zunächst alle anderen kritischen Erwägungen in den Hintergrund zu treten.

Natürlich lässt sich lange darüber philosophieren, ob ein stilistisches Einheitsprogramm, wie es unter dem Motto „Variations of America” hier geboten wurde, glücklich ist, ob man von Charles Ives, dem zwar nicht populärsten, aber kühnsten und originellsten Komponisten Amerikas, statt der von fremder Hand, wenn auch sehr geschickt und pfiffig gebrauten Orchestrierung einer Orgelvariation nicht doch besser ein originales Orchesterwerk aufgeführt hätte.

Und ob thematisch-melodische Prägnanz und instrumental-virtuoser Aufwand in den gleichfalls als fremdes Arrangement gebotenen Symphonischen Tänzen aus Leonard Bernsteins „West Side Story” im Gleichgewicht stehen, auch darüber lässt sich streiten. Aber so etwas ist, wie gesagt, zunächst einmal zweitrangig.

Der Schwerpunkt des Abends lag auf seinem zweiten Teil, in dem Teile aus George Gershwins amerikanischster aller amerikanischen Opern, aus „Porgy and Bess”, in geradezu elektrisierendem Drive geboten wurden.

Auf dem Podium hatten sich mit dem Städtischen Chor Aachen (Vorbereitung Bernhard Moncado) der Limburgs Operakoor (Vorbereitung Emmanuel Pleijers) präsentiert, quantitativ eine Phalanx, wie man sie dort seit Jahren nicht mehr gesehen hat. Die Sängerinnen in hell-bunten Blusen, offenbar Broadway-Atmosphäre suggerierend.

Die elf Stücke, darunter Ohrwürmer wie „Summertime” und das Duett „Bess, You is My Woman Now”, kamen umso wirkungssicherer über die Rampe, als mit der Sopranistin Yvonne Frazier und dem Bariton Derrick Lawrence Solisten aufgeboten waren, die sich in diesem Genre bravourös zu bewegen wussten, stimmlich wie vital-gestalterisch.

Sie rissen den offenbar glänzend vorbereiteten Chor nicht weniger mit als der Dirigent. Und einmal mehr siegte Gershwins schlagend-einfallsreiche, vokal wie instrumental glanzvoll hingestellte Musik.

Kein Wunder, dass der ganze Saal am Ende aus dem Häuschen war. Marcus R. Bosch nutzte die Gunst der Stunde, als er, den heftigen Applaus unterbrechend, das Publikum beschwor, gegen angebliche Horror-Visionen in der Presse, was die Zukunft des Theaters angeht, anzukämpfen.