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Aachen: Stress in der musikalischen Notaufnahme

Aachen : Stress in der musikalischen Notaufnahme

In der musikalischen Notaufnahme herrscht Stress. „Am offenen Herzen” heißt der Musik-Mix von Oper bis Schlager von Franz Wittenbrink, der im Grenzlandtheater über die Bühne geht.

Das Ambiente ist unverkennbar: Mit feinem Gespür für die entnervende Wirkung von Farben und typischen Versatzstücken wie Kartentelefon und Kaffeeautomat hat Bühnenbildner Charles Copenhaver ein Stückchen Notaufnahme mit dem eindeutig grünlich-gelben Klinikum-Touch (samt Deckenrohr) auf die Bühne des Grenzlandtheaters gebracht, um den gespielten Liederabend „Am offenen Herzen” von Franz Wittenbrink ins rechte Neonlicht zu rücken.

Was Ende 2001 in Hannover uraufgeführt wurde, ging jetzt als Vorgeschmack auf den Silvesterabend in Aachen mit Witz und Temperament über die Bühne. Manfred Langner - Regisseur und Theaterleiter - hat ein tanz- und sangesfreudiges Team zur Verfügung, das auch die Peinlichkeitsklippen zu nehmen weiß, die dieses Stück unübersehbar hat.

Nicht immer komisch

Da ist so manches nun überhaupt nicht mehr komisch, aber auch nicht automatisch satirisch. Es wird von schlimmsten Krankheitsbildern geträllert und im Ablauf gibt es deutliche Brüche.

Der letzte Abend eines Jahres. In der Notaufnahme einer Klinik wird rigoros die Zwei-Klassen-Gesellschaft mit Privat- und Kassenpatient gelebt, findet das Spielchen zwischen Herz und Schmerz statt. Das wars dann aber auch schon mit der Geschichte.

Klar, Wittenbrink bedient mit „Chefarzt Prinkmann”, „Schwester Stephanie”, „Lernschwester Ellke”, dem Frauenheld „Dr. Vrank” und dem netten „Zivi Misha” perfekt alle Schwarzwaldklinik-Arzt-Serien-Leidenschaften.

Immer wieder überrascht er (nicht nur angenehm) mit dem Einsatz ganz unterschiedlicher Musikstücke, stellt einen frech zurechtgedrechselten Mix aus Mozart, Rossini, Falco, Ramazotti bis hin zu Petersburger Schlittenfahrt und „Kling Glöckchen” her, der teilweise doch gewöhnungsbedürftig ist.

Das wird nur gemildert, weil Akteurinnen wie Ute Henryke Büttner und Dominique Siassia das Beste aus ihren Schwester-Rollen machen, sehr gut singen und tanzen, stets spritzig agieren. Auch ihre männlichen Partner, Leon van Leeuwenberg als heftig „baggernder” Arzt, der seine Eroberung rasch kaltblütig fallen lässt, und Torsten Ankert als „Misha”, der Ramazottis „Musica E” mit dem Besen in der Hand grandios hinlegt, spielen mit vollem Einsatz.

Da hat es Ulrich Popp als „Professor” schon ein wenig schwer, wenn er in allem mithalten will. Er schlägt sich tapfer. Grandios von Anfang bis Ende: Heike Schmidt als Privatpatientin und Urs-Werner Jaeggi als unglücklicher Kassenpatient, an dem stets alle vorbeirennen.

Bricht einem schon beim Eingangssong „Je suis malade” fast das Herz, vermittelt sein „Mr. Cellophan” die wahre Verzweiflung des Unglücklichen, der für alle Luft ist.

Kraftvoll singt sich Heike Schmidt durch ihre Rolle, niedlich das Bum-Budi-Bum-Duett mit dem gespenstisch fröhlichen „Patienten Fröhlich” (sehr hintergründig Uwe Lach), stark unter anderem in „Fever”.

Und im Himmel warten sie schon: Über der Szenerie hat Copenhaver den musikalischen Leiter Jens-Uwe Fiebig („Petrus”) am Klavier zusammen mit Ivan Tazky („Dr. Engel”) am E-Cello untergebracht, während Uwe Lach als Bodenpersonal hin und wieder auch noch im kurzen OP-Hemd die E-Drums bedient. Langners Personenführung ist zumindest im ersten Teil sehr spritzig und einfallsreich.

Flotte Tanzszenen

Choreographin Carla Brettschneider führt das Ensemble immer wieder geschickt in flotten Tanzszenen zusammen. Heike M. Schmidt sorgt für die richtige Kleidung vom Kittel bis zum Pelzmantel. Mit dem „Pausenfinale” ist allerdings verbraucht, was „Am offenen Herzen” an Charme zu bieten hat.

Danach zieht sich das Ganze, gibt es Wiederholungen. Selbst das menschliche Drama der „Privatpatientin”, die ihren Reichtum nur geschickt vorgaukelt, um ein wenig Zuneigung zu erhalten, verbessert die Story nicht.

Insgesamt ein Abend, der Vergnügliches zu bieten hat, aber auch auf ein paar Elemente verzichten könnte. Herzlicher und kräftiger Applaus des Premierenpublikums, das eine große Zugabe erhält.