Eine gewöhnliche Familie: Stolberger Autorin beschreibt das Geflecht von Familienbeziehungen

Eine gewöhnliche Familie: Stolberger Autorin beschreibt das Geflecht von Familienbeziehungen

Als „hirnrissig“ bezeichnet die Protagonistin Céline den Grundsatz „Jede Person ist eine absolute Wahl ihrer selbst“. Der Satz taucht im letzten Drittel des neuen Romans von Sylvie Schenk auf und stammt von Jean-Paul Sartre, den Céline „ein verwöhntes, von der Mutter und Großmutter vergöttertes Kind“ nennt.

Der Philosoph wird nur an dieser Stelle genannt. Dennoch ist es einer der Kernsätze. Denn in dem Roman „Eine gewöhnliche Familie“ der Stolberger Autorin geht es um die Frage, wie Menschen zu dem werden, was sie sind.

Sie hat sich erneut dem großen Feld Familie gewidmet: Sylvie Schenk. Foto: Peter Hassiepen

Wäre die Familie ein Ort der Selbstverwirklichung, so wäre sie keine Zeile wert. Sylvie Schenk kehrt mit ihrer Familiengeschichte einmal mehr zu dem besonderen Geflecht von Beziehungen zurück, und zeigt, wie die Menschen innerhalb einer Familie wie in einem Mobile voneinander abhängen. Manchmal entfalten Verfehlungen und Verletzungen ihre volle Wirkkraft Jahrzehnte später.

„Eine Familie ist eine Wiege, ein Gefängnis, ein Giftschrank, ist ein Hafen. Nichts ist real. Auf nichts ist Verlass“, heißt es im Buch treffend. Dieses Widersprüchliche einer Familie mit durchschnittlichem Konfliktpotenzial erzählt Sylvie Schenk fein und klug anhand einer Erbschaftsgeschichte.

Das Vermögen

Ausgangssituation ist die Beerdigung von Onkel Simon und Tante Tamara. Das kinderlose Paar wollte sein Vermögen, das neben dem Familienhaus auf etwa eine Million Euro geschätzt wird, den drei Nichten und dem Neffen vererben — den vier Cardin-Geschwistern: Aline, Pauline, Céline und Philippe. Doch weil das Original des Testaments verschwunden ist, fällt das Erbe an Tamaras Schwester, die hochbetagte und dominante „flotte Kati“ und ihren Marionetten-Sohn Bernard.

Er kann nun entscheiden, ob und zu welchen Teilen er die vier Geschwister bedenkt. Allein, wie einfach die Autorin Bernards Genugtuung zeichnet, der eigentlich ein Schwächling ist, aber jetzt einen machtvollen Moment erlebt, ist lesenswert. Es ist böse, ohne böse Worte zu bemühen, witzig, ohne süffisant zu sein. Es ist gut beobachtet, wahrscheinlich lange verdichtet und dann einfach erzählt.

Ebenso präzise beschreibt Sylvie Schenk die Beziehungen der vier sehr unterschiedlichen Geschwister zueinander. Die Verantwortlichkeit Célines für ihre lustige, aber inzwischen auch depressive Schwester, die Hassliebe, die Céline entgegenschlägt, weil sie intellektuell immer ein wenig erhaben agiert, die Leichtigkeit des Luftikus Philippe, der sich eigentlich um nichts Sorgen macht (warum auch, bei drei älteren Schwestern?) und der schönen Ältesten, Aline, die dem Ganzen immer seltsam entrückt wirkt.

Der Erbstreit steht dabei nicht im Mittelpunkt, die Handlung spielt nur am Tag der Beerdigung, daneben gibt es viele Rückblicke und Erinnerungen Célines. Sylvie Schenk beherrscht die Kunst, mit wenigen Linien Charaktere zu porträtieren, die einerseits klar vor Augen stehen, andererseits Raum lassen. Deshalb braucht sie für ein Buch, das die Konflikte mehrere Generationen beschreibt, auch nicht mehr als 160 Seiten.

Natürlich steckt auch in dieser Familiengeschichte ein Teil Autobiografie: Die beiden Familienzweige stammen aus Lyon und aus den französischen Alpen. Die bourgeoisen Städter schauen herab auf die rustikalen „Bergbewohner“. Céline flieht früh aus dem Einflussbereich der Familie, heiratet einen „Boche“ und zieht mit ihm nach Deutschland.

Dennoch, darauf zielt auch der Titel ab, ist es kein autobiografischer Roman. Es ist das Porträt einer gewöhnlichen Familie, Leser werden Teile der eigenen reflektieren. Sylvie Schenk braucht keine Extreme, um zu erzählen, was eine gewöhnliche Familie sein kann: ein bisschen Glück und viel Verdammnis.

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