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Würselen: Stimme verlangt andächtige Stille

Würselen : Stimme verlangt andächtige Stille

Am Anfang war eine Stimme. In einem Ausflugs- und Jazzcafé in Belgien sang auf CD scheinbar eine wieder auferstandene Ella Fitzgerald Leonard Cohens „Dance Me To The End of Love”.

Aber es war Madeleine Peyroux - auch sehr polyphon. Die 1974 geborene Sängerin wird ebenso mit Ella Fitzgerald verglichen wie mit Nora Jones, und wenn die Peyroux ihrem breiten Repertoire mal wieder einen Country-Song hinzufügt, lässt die Stimme kurz an Dolly Parton denken. Die Stimme wohlgemerkt, denn die Frau dahinter beim Auftritt auf Burg Wilhelmstein in Würselen war ein anderes Erlebnis.

Sommerlich mit bordeauxfarbenem Top, weißer Hose und langen, dunklen Haaren steht die unscheinbare Person auf der Open-Air-Bühne hinter ihrer Gitarre. Leichte Zweifel waren mit dem Picknickkorb und den Getränken eingepackt: Passt diese Stimme nicht besser zu rauchiger Kneipe oder in einen Pariser Jazzkeller?

Wenn auch anders als erwartet, ist sie von den ersten Tönen bis zur letzten Zugabe präsent: Wie die gewitzten und sehr reizvollen Coverversionen von Blues über Jazz bis Counrty überraschen auch die Tonlagen mit einer großen Spannweite. Vom Tiefen, Rauen bis in Höhen, dass die vom Bier befreiten Plastikbecher nachdenken, ob sie nicht auch mal zerspringen sollten.

Ungewöhnlich im Vergleich zu ihren beiden Alben, dem ersten, „Dreamland”, und dem aktuellen, „Careless Love", will die energische, leicht nasale Stimme aus den Arrangements ausbrechen, sie spielt mit ihren Songs und das macht nicht den Eindruck des Eingeübten.

Hier ergänzt die dreiköpfige Jazz-Combo mit Bass, Keyboard und Drums, ansonsten lenkt sie öfter mal vom eigentlichen Faszinierenden Madeleine Peyroux ab - von eben der Stimme. Und fünf Bass-Soli sind sowieso eindeutig zu viel!

Madeleine Peyroux Nationalität muss man wohl irgendwo in den Fußgängerzonen Europas suchen: 1974 in Athens, Georgia, geboren, wächst sie in New York und Paris auf. Schon mit sechzehn landet sie auf der Straße - zum Musikmachen. Später tourt sie drei Jahre durch Europa und bringt 1996 das begeistert aufgenommene Album „Dreamland” heraus. Danach war trotzdem Pause, wegen der Pleite der Plattenfirma oder weil die Straßenmusik doch das einzig Wahre ist, wie die Biographie kokettiert.

Nun war sie in Würselen angekommen, und es dauerte eine Weile, bis das Publikum an diesem frischen Sommerabend auch bei Madeleine Peyroux und ihren ruhigen Songs war. Die Musikerin ist keine Alleinunterhalterin, sie macht kurze Ansagen, wartet auf gebührende Aufmerksamkeit. Als dann nach drei, vier Liedern die nötige Andacht eingekehrt war, war man endlich würdig, Henk Williams „Weary Blues” zu hören.

Ja, richtig: Selbst Hardcore-Country kann diese Frau in ihren Arrangements verzaubern. Mal wähnt man Pferde vor der Burg traben, dann swingt die Traurigkeit beim leichten Abschiedslied „Youre Gonna Make Me Lonesome When You Go”. Diese Madeleine ruft wie Prousts gleichnamiges Gebäck süße Erinnerungen hervor. Mit Peyroux Worten: Jeder hat sein eigenes Glück, „Heaven to me”. Paradies oder Himmel - egal. Hauptsache diese Stimme bekommt weiter Plattenverträge.

Und um das alles noch einmal ganz allein zu beweisen, gab es als letzte Zugabe wieder Madeleine Peyroux solo mit Gitarre und „La Vie en Rose”. Nicht ganz allein, denn da waren sie wieder in nur einem Chanson, die rauen, sanften, verletzlichen Töne dieser wunderbaren Stimme.