Start der Opernspielzeit am Theater Aachen

Theater Aachen startet mit „Hagen“ in die neue Spielzeit : Ein Heldenepos aus Sicht der Jüngeren

Die Spielzeit am Theater Aachen startet mit der Oper „Hagen“. Das Haus geht dabei neue Wege, um das Publikum stärker einzubeziehen: Eine Jury begleitet dabei den Produktions- und Probenprozess der Oper, die Wagners „Ring des Nibelungen“ auf eine neue Weise erzählt.

Was wissen Sie über Hagen? Vielleicht das: Hagen erschlug Siegfried, den Drachentöter. Er war der Sohn des Zwergs Alberich, der ihm im Traum aufgetragen hatte, den Ring, den einst Göttervater Wotan dem Zwerg entrissen hatte, wiederzubeschaffen. Alberich hatte einst die Liebe verflucht, den Rheintöchtern das magische Gold abgeluchst und daraus den Ring geschmiedet.

So kennen wir es aus dem Nibelungenlied, genauer: aus der Bearbeitung von Richard Wagner, die die Grundlage für seinen vierteiligen Opernmarathon „Der Ring des Nibelungen“ bildet. Der Mord an Siegfried geschieht im letzten Teil, der „Götterdämmerung“. Hagen tritt erst hier auf.

Aber „Hagen“, eine Oper? Im Opernführer schlägt man vergebens nach. Dennoch ist die Eröffnung der Opernsaison am Theater Aachen dem düster faszinierenden Helden gewidmet: „Hagen – Der Ring Teil 1“, Oper von Richard Wagner in einer dreiteiligen Bearbeitung für das Theater an der Wien von Tatjana Gürbaca und Bettina Auer: So heißt es zur Premiere am Sonntag, 15. September. Das Aachener Haus bietet die deutsche Erstaufführung eines Werkes, das die Gesamtheit von Wagners gewaltiger Operntetralogie im Blick auf die Gestalt des Finsterlings Hagen bündelt.

Bei sieben Proben dabei

Und noch etwas ist neu: Erstmals hat Generalmusikdirektor Christopher Ward, der die Produktion dirigiert, zusammen mit Regisseur Johannes von Matuschka eine zwölfköpfige Publikumsjury einberufen, um die Produktion zu begleiten. Ob Bühnenprobe im engen Mörgens mit Sängerinnen und Sängern oder Arbeit im Orchesterprobenraum: Die Interessierten, die sich nach einem Aufruf des Theaters gemeldet haben, sind bei sieben Terminen samt Nachbesprechungen dabei. „Wir wollen befragt werden! Wir wollen unsere Zuschauer besser erreichen“, betont Ward. „Es kann ja sein, dass wir manchmal etwas betriebsblind sind.“

Die Jury-Mitglieder werden als erste ihre Meinung dazu sagen, wie die Wagner-Montage „Hagen“ ankommt. Zum Beispiel die Aachener Malerin Brigitte Courté: „Mein Traum war es früher, Bühnenbildnerin zu werden“, sagt sie. „Jetzt kann ich erfahren, wie eine Inszenierung entwickelt wird, und damit natürlich auch ein Bühnenbild.“

Im Jugendclub des Theaters macht die 19-jährige Lara Wyen schon seit zwei Jahren begeistert mit. „Das hier ist komplett anders als alles, was ich bisher erlebt habe. Es ist so spannend, eine Inszenierung im Entstehen zu erleben“, sagt sie. Die Gruppe – acht Frauen, vier Männer – ist altersmäßig gut gemischt. Erich Lantin, aktiv beim Kunstforum Herzogenrath, frischt in der Jury zum Beispiel Jugenderinnerungen auf: „Ich war häufig Statist und habe im Extrachor gesungen“, lächelt er. „Es ist eine gute Idee, uns hier einzubeziehen.“

Die Jury erfährt eine Menge, etwa, dass Wagner über 25 Jahre lang (1848-1874) am „Ring“ gearbeitet hat. Und von Anfang an – also bereits im „Rheingold“, wo Nibelung Alberich das Rheingold raubt und den  schicksalhaften (Macht-)Ring schmieden lässt – werden Hagens Schicksalsfäden gesponnen.

Die Aachener Inszenierung von Johannes von Matuschka blickt konzentriert und in „normaler“  Opernlänge auf den perfiden Auftrag, den der Zwerge seinem Sohn im Traum erteilt hat. „Eine Familientragödie über drei Generationen hinweg. Das Unglück der Eltern wird von den Kindern weitergetragen. Man denke nur an die Geschwister Siegmund und Sieglinde, die Eltern von Siegfried“, meint von Matuschka. „Hier wurden Kinder nur in die Welt gesetzt, um zu hassen.“

Die Oper stellt in Form von Rückblenden und Zeitsprüngen die Frage nach der Schuld der Vätergeneration, der Psychologie Hagens als Opfer und Täter sowie der Rolle des heftig waltenden Schicksals, das in der „Götterdämmerung“ endgültig zuschlägt.  „Es treffen Welten aufeinander, das wird sehr explosiv“, versichert der Regisseur, für den es die erste Wagner-Inszenierung ist. Die Beteiligung der Jury nimmt er gelassen: „Wir machen zwar die Türen auf, die Intimität dieser Arbeit bleibt dennoch erhalten.“

Szenisch und musikalisch beginnt man mit dem Endpunkt im Weltendrama, der „Götterdämmerung“, wobei von Matuschka  und Bühnenbildnerin Magdalena Gut die Gegenwart im Blick haben: Plastikmüll bedrängt die Rheintöchtern und gefährdet die Ressourcen. Dann folgt der Rückblick mit dem Fokus auf Hagen und Vater Alberichs Wüten im „Rheingold“. „Hagen“ bildet damit den Auftakt einer Ring-Trilogie, sich in den kommenden Spielzeiten mit „Siegfried“ und „Brünnhilde“ fortsetzt. Auch hier wird das Heldenepos aus der Perspektive der Jüngeren erzählt.

„Die Idee der Publikumsjury hat mich überzeugt, das wollen wir gern fortführen“, begrüßt Generalintendant Michael Schmitz-Aufterbeck das neue Projekt. Für ihn ist es wichtig, dass man über „Hagen“ spricht und das arbeitsintensive „Puzzle“ einer Inszenierung live miterlebt. Und die Jury? Schon nach wenigen Probenbesuchen sind alle beeindruckt, wie von Matuschka keine Bewegung der Akteure dem Zufall überlässt und Ward das Orchester auf die emotionalen Klänge einschwört - Takt für Takt für Takt.

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